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Tena Stvicic erhält für Fragile! den Europäischen Autorenpreis und den Innovationspreis

Mate Matisic erhält für “Frau ohne Körper” den Publikumspreis

Phillipp Löhle und Nino Haratischwili erhalten den Deutschen Autorenpreis

Herzlichen Glückwunsch allen!

Hier die Rezension von nachtkritik.de zu dem Abend mit kroatischen Gastspielen. Für viele hat sich der Zauber übertragen und ich bin sehr sehr glücklich darüber…

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1358&Itemid=40

Hier gibt es ein Interview mit mir beim SWR 2 zu den kroatischen Gastspielen und Theaterstücken:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/interviews/-/id=659252/1um3fhj/index.html

Der folgende Beitrag ist in der aktuellen Brigitte erschienen. Im Vorspann die Frage,

ob ich selbst nicht der lebende Beweise für die guten Chancen ausländischer Kinder an

deutschen Schulen bin? Hm, was sagt man dazu? :

Sobald ich mich kritisch über das deutsche Schulsystem äußere, habe ich das Gefühl, ein undankbarer Parasit zu sein. Als hätte ich als Tochter kroatischer Einwanderer, aufgewachsen in einem Stuttgarter Vorort, nicht das Recht dazu. Da fängt es schon an.

Ich will über die Möglichkeiten schreiben, die es mir bot, mich zu entwickeln. Und ich möchte nicht verschweigen, welche Hindernisse es in den Weg stellt, welche Möglichkeiten es so, wie es jetzt ist, erstickt. Vor allem für Kinder von Migranten: Diese Kinder bringen Qualitäten mit, die übersehen werden.

Meine Familie träumte einst von einem besseren Leben für mich: als Sekretärin in einer der großen Stuttgarter Firmen. Zum Glück traf ich in der Grundschule auf zwei unermüdliche Lehrer. Ihre Ermutigungen ließen mich spüren, wie wichtig Bildung ist. Mein Kinderherz fasste den Plan, ins Gymnasium zu wollen. Ich war gut in der Schule - und dank der Lehrer wurde ich auch mutig. Meine Eltern waren das nicht. Sie hatten Angst, mich zu überfordern, sich zu überfordern. Gewohnt, für sie Dokumente auszufüllen, trug ich gegen ihren Willen Gymnasium in den Formularkasten ein. Ich staune noch heute über meine Kühnheit.

Anfangs behielten meine Eltern Recht. Aus der kühnen Viertklässlerin wurde eine eingeschüchterte Gymnasiastin. Es gab kaum mehr Ausländer um mich herum, die meisten waren auf der Haupt – und Realschule. Ich hielt mich an eine eben eingewanderte Polin, weil sie mir am nächsten war. Fast bin ich sitzen geblieben in der Fünften, wusste nicht, was eigentlich so schwer fiel. Das Anderssein. Und wie damit umgegangen wurde. Entweder war meine Herkunft ein Makel oder wurde ignoriert. Ich war zu jung, um allein damit zurecht zu kommen, dass ich mich innerlich von Zuhause entfernte, ohne zu wissen, wohin, in was für eine Welt mich das führte. Gastarbeiterkinder springen von einer Welt in die andere. Das ist weder ein Makel, noch ist es normal: Immer wird es Kindern Kraft abverlangen und sollte gewürdigt werden, ganz gleich, ob es sich in überangepasstem oder auffälligem Benehmen äußert. Es sagt nichts über ihr Talent aus.

Mein Bruder war in der Hauptschule gelandet. Schnell erhielt er eine Empfehlung für die Sonderschule. Er verdankt es dem gesunden Menschenverstand und den mangelnden Deutschkenntnissen meiner Mutter, dass ihr einziges Wort, ein klares Nein, nicht umgangen wurde. Auch das war Glück. Aus dem Lehrerschreck von damals ist über viele Umwege ein großartiger Realschullehrer geworden. Das hat gekostet, ihn, den Staat, alle um ihn herum. Vor seiner Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule kam ich jede Woche aus meinem Studienort angefahren, um Diktate und Aufsätze mit ihm zu üben. Sonst wäre das Studium, wie vieles andere, daran gescheitert, dass er einen Satz wie „hübsches Mädchen mit Rehaugen“ nun mal als „hübsches Mädchen mit Drehaugen“ hörte. Deutsch wurde eines seiner besten Fächer.

Einmal, in der Vierten, hatte einer definiert: Dieser Junge muss auf die Hauptschule. Wie klug er war, interessierte nicht, nur, wie unfähig er war, seine Klugheit in Deutsch auszudrücken. Was hätte Förderunterricht gekostet? Sicher ein Bruchteil dessen, was später all die Umschulungen wert waren. Statt das Beste in ihm zu sehen, sah man diese eine Schwäche, sie wurde maßgebend für das erste Drittel seines Lebens. Bis er den Mut fand, aus dieser biographischen Zuschreibung auszubrechen. Was geschieht mit jenen Kindern, die diesen Mut nicht finden, keine helfende Schwester haben?

Hauptschulen verwandeln sich zunehmend in Sammelbecken der Hoffnungslosigkeit. Es muss nicht wundern, wenn daraus Wut und aus Wut Gewalt hervorgeht. Man darf sich nicht auf das Glück verlassen. Multikulturelle Gesellschaften funktionieren dort am besten, wo man Einwanderer teilhaben lässt am intellektuellen und kreativen Leben. Sie können nicht für immer die Handwerker und Putzfrauen dieses Landes bleiben.

Jagoda Marinić, geboren 1977, lebt als Autorin in Heidelberg und New York. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die Namenlose“, Verlag Nagel&Kimche, 16,95 Euro

Fußball

Heute ist ein Artikel von mir über Fußball erschienen. Nachzulesen unter:

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/eigentor_1.724410.html

Hungert Sie aus, schreibt die gute alte FAZ, jetzt ein gewisser Jungen, unlängst war es Kämmerlings, alle deutschen Literaturkindermädchen scheinen im Feuilleton der FAZ zu sitzen. Was wünschen sie der Literatur? Natürlich nur das Beste: Viel Politik und große Stories, Rechercheliteratur und Unbedingtheit, Literatur als Waffe im Diskurskrieg und richtige Autorenpartisanen. “Kunst ist nicht frei, sondern wirksam” wird da zitiert, sowie weitere geile Zitate von Autoren aus besseren Zeiten: “Lieber geil angreifen, kühn totalitär kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt.” Heftig denken tut hier anscheinend keiner, bekommt aber einen Haufen Platz, um sich zu beschweren, ein weiteres Dokument von Feuilletonisten, die sich wochenlang mit von ihnen für wichtig erklärten Themen selbst bedienen, auf den Leser nicht einmal mehr aus den Augenwinkeln schielen, es geht um sie, ihren elaborierten Kunst- und Literaturgeschmack, ihre Weitsicht. Dass es ihre Aufgabe ist, Bücher zu deuten, wird schnell vergessen, wozu, man kann ja seine Meinungen austreten, unsinnige Forderungen ins Land schreien, das ist sicher interessanter für die Leser.

Gerade dieser Angriff auf die teilweise lächerliche Autorenförderung ist ein Witz in Anbetracht des Schreibtischjournaslismus´, der in Deutschland betrieben wird; unsere Journalisten bekommen solide Gehälter, sind jedoch nur selten auf riskanten Recherchereisen zu finden, sie zanken und raufen natürlich ein bisschen in den Redaktionssitzungen, ansonsten googeln sie sich die roten Fäden der Welt zusammen, stricken ihre Artikel aus Berichte von Journalisten oder Bloggern vor Ort, die sich wirklich um ihren Job kümmern und den Menschen von der Welt berichten. Aber wenn wir schon so gemütlich im Chefsessel sitzen, dann hauen wir doch nochmal auf die Literaten, weil sie es so gut haben und sich aushalten lassen, ohne etwas dafür zu tun, weil sie den Hunger unserer gepeinigten Schreibtischseelen nicht zu stillen wissen.

Es ist anstrengend, sinnlos und ermüdend, auf eine Subventionskultur zu schimpfen, die mühsam erkämpft wurde, um eine Schreibkultur zu fördern und aufrecht zu erhalten. Ein Autor, der sich an der Welt nicht abreibt und aufreibt, sich in ihr und mit ihr nicht immer wieder neu gebiert, wird nichts zu sagen haben, ob mit oder ohne Autorenförderung. Ein Autor, der einmal im Jahr in ein Kaff fährt, um sich seinen Scheck über 2000 Euro abzuholen und dort neugierig ausgefragt wird, was er denn mit dem Geld so alles vorhat, kann genauso aufgeregt und erzürnt über die Welt schreiben, wie einer, der noch nie einen Preis abgesahnt hat und seine Brötchen anders verdient. Als bestünde das Leben eines Autors aus diesem einen Preistag, als hätte nicht jeder seine Welt, aus der er kam, in der er schreibt und in die er zurückgeht nach so einem großen Festtag in der örtlichen Turnhalle.

Die Hybris der Kritiker und Bepreiser, die sich in der Vorstellung äußert, dass alles, was der arme junge Autor schafft, und wie er es schafft, von ihnen abhängt, dass der Autor nur Sätze aneinanderreiht, weil ihm dann und wann 2000 Euro rübergestreckt werden und weil dann in der Zeitung steht: Pressemeldung, Preis im Kaff X erhalten, der tote Autor Y ehrt den jungen Autor Z. Hallelujah, dafür und davon leben wir, genau! Und unser gesamtes Schaffen ist abhängig davon, weil wir angeblich davon leben, alles Schreiben ist nur eine Variable, die sich zum deutschen Feuilleton oder der Subventionskultur verhält, die angeblich unsere Mäuler stopft und mit ein paar tausend Euro im Jahr unsere Geister träge macht. Natürlich darf dieses verdammte Spitzwegbild bei so einem Artikel nicht fehlen, der deutsche Künstler ist nur gut, wenn er hungert. Was für eine pervertierte Vorstellung von Leben und Kunst, die hierzulande vorherrscht, die Aufmacher einer der größten Tageszeitungen werden darf.

Über den Teich blickend, zu den großen, natürlich viel besseren, ausländischen Autoren, die angeblich welthaltige und wichtige und lesbare Bücher schreiben: Sie haben Agenten, kassieren Millionenvorschüsse und brauchen nicht in Käffer zu tingeln, um ihre Mäuler zu stopfen. Sie behalten ihre Zeit dem Schreiben vor, weil ihre Konten satt sind, haben nicht selten ein nettes Haus in Brooklyn, an der Küste und, oh je, wie kann das sein, die meisten sind gemäß Selbstauskunft glücklich liiert und haben Familien, lassen sich ihr Glück sogar in die Klappentexte schreiben, weil es dort niemanden stört, weil dort niemand denkt, ein Autor muss sich gequält durch den Tag röcheln, um das Gefühl zu greifen, weil keiner behauptet, ein Autor darf nicht glücklich lieben, um wahrhaftig von der Liebe zu schreiben, all das. Man darf hierzulande einfach nicht glücklich leben, sonst kann man nicht gut sein. Können solche vom Leben befriedigte, nicht benachteiligte Hochglanz-Menschen denn noch Kunst machen? fragt man bei uns, Spitzweg´s calling. Ausländische Autoren aber machen wir zu Glamour-Pärchen: Paul Auster und Siri Hustedt sind bei uns weit erfolgreicher als Zuhause in den USA, weil uns bei den Anderen ein gewisser Snobismus gefällt, anregt, Minderwrtigkeitsgefühle bedient. In der USA geht das, das Geld und die Kunst, Roth ist immer gut und wird jährlich besser, glaubt man unserem Lieblings-Spiegel. Roth schreibt nach eigenen Angaben eine Stunde täglich und hungert sich den Rest der Zeit durch die Straßen Manhattans.

Der Ton, der in Deutschland angeschlagen wird, wenn es um Künstler geht, ist mehr als eine Unverschämtheit. Wer darf denn überhaupt von Künstlern dauernd etwas verlangen, gerade von dem Typ Künstler, de da beschworen wird? Wieso hat niemand Demut und sieht sich ein Kunstwerk einfach an, versucht es zu greifen? Weil man hierzulande gar nicht mehr daran glaubt, dass es noch Künstler oder Kunstwerke unter uns gibt, unsere guten Zeiten waren gestern, als man mit Künstlern nicht besser umging als heute, eher noch schlechter. Dieser Neid darüber, dass man damit heutzutage auch ein Leben bestreiten kann mit etwas Erfüllendem, zerfrisst die Leute, dass das Erfüllende auch seinen Preis hat sieht keiner, wir bekommen ja jahrelang dafür 2000 Euro-Preise in den Hintern geschoben, das zahlt sich aus. Für so etwas darf es kein staatliches Geld geben, nein, Erfüllung ist Privatvergnügen. Nur weil kaum einer mehr hinsieht, wonach es in ihm schreit, werden systematisch jene an den Prager gestellt, die es tun und damit auch noch Erfolg haben. Und weil sich die Industrie, sprich die Verlage, Bücher junger deutscher Autoren nichts kosten lassen will, weil hierzulande unzählige junge Künstler wertvolle Bücher veröffentlichen, ohne vorab auch nur einen Cent dafür zu sehen, nur deshalb gibt es diese ganzen Preise, die der Herr aus der FAZ so wunderbar korrekt und ironisch aufzählt und als Grabsteine der guten und wichtigen Literatur tituliert. Vielleicht fühlen sich auch die jungen Künstler benutzt, vielleicht ist es nicht jedermanns Traum, immer eines Toten zu bedürfen, um gegenwärtig wichtig zu sein, aber das sind dann nur Wehwehchen. Kafka hingegen hatte existenzielle Sorgen.

Diese permanenten Forderungen sind unverschämt, wir Preisparasiten werden sie nicht bedienen, wie geil ihr das auch fändet. Was soll ich Romane über Politik schreiben? Die Politik ist eine Inszenierung, ein Showcase der Mächtigen, warum soll nur das interessant und welthaltig sein? Es ist an sich künstlich und durchtrieben und nicht das, womit ich mich beschäftigen möchte, wenn ich mein Leben dem Leben verschreiben will. Romane über Politik sind doch auch nur dann geglückt, wenn sie den Menschen finden und nicht das Milieu. Ich kann als Mensch aufstehen für Politisches, das mich betrifft und erzürnt, aber ich muss meine Kunst nicht in den Dienst der Poltitik stellen, nur damit ich weniger Freude an meiner Arbeit habe und ihr mehr. Künstler sollen zum Leben hinführen, in anderen Leben erzeugen, das kann und muss Kunst sein, von Künstlern Hunger zu fordern, Schändung zu propagieren, um große Literatur zu erhalten, ist ein sehr hiesiges Konzept, der Neid all jener, die sich mit sich nicht beschäftigen dürfen, was nun mal auch Kunst ist, der Neid jener, die die Spannung nicht fühlen, die Welt in ihnen auslösen kann, weil sie immer nur beschäftigt sind und: sein wollen.

Mit Nietzsche, der alles schon damals wusste und belegt, dass nie etwas anders war, schließe ich den heutigen Eintrag:

“Im Verhältnis zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches entweder zeugt oder gebiert , beide Worte in ihrem höchsten Umfange genommen - , hat der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten Verrichtungen des Menschen… [...] Der Gelehrte hat, wie billig, auch die Krankheiten und Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie einer, der sich gehen, aber nicht strömen läßt; und gerade vor dem Menschen des großen Stroms steht er umso kälter und verschlossener da, - sein Auge ist dann wie ein glattwidriger See, in dem sich ein Entzücken, kein Mitgefühl mehr kräuselt.”

Lasst uns schreiben, wonach es uns verlangt, wenn ihr andere Bücher braucht, schreibt sie euch selbst, hungert selbst, bis euch die Worte aus der Feder sprießen, stellt diesen Neid ab und fangt an, das zu deuten, was da ist, statt göttlich dazustehen und eine Literaturwelt zu verlangen, wie sie euch passt.


Grosse Turbulenzen, die Musikindustrie wünscht Schutz vor Internetpiraten. Sollen Bücher geschützt werden vor Verleihern? Überhaupt gehen die Konzerne auf die Barrikaden, als müsse man die Kunst an sich schützen, dabei erhält der Künstler von den Profiten im besten Fall 10% . Wer schützt das geistige Eigentum des Künstlers vor legaler Piraterie, davor, dass die Vertreiber gut leben vom geistigem Eigentum und riskanter Denkakrobatik anderer, während die Kulturproduzeten zusehen müssen, wie sie ihr Leben finanziell in den Griff bekommen. Alles ein Affentanz, statt die Konzerne zu schützen, sollten Künstler sich an die Regierung wenden und verlangen, dass ihr geistiges Eigentum geschützt wird, sollen fordern, dass sie mindestens die Hälfte dessen bekommen, was mit ihrer Kunst erwirtschaftet wird. Natürlich schreibe ich als Künstlerin und als kleines Rad im Getriebe, aber wenn man als Künstler ohnehin so wenig vom Gewinn abbekommt, von Konzerten lebt oder Lesungen oder was auch immer, dann wird es einem als Künstler gleichgültig, dann möchte man als Künstler lieber kostenlos gehört/gelesen werden und nichts verdienen, als für Geld nicht gehört/ nicht gelesen werden und nichts verdienen.

Vom 2.-11. Mai findet in Heidelberg dieses Jahr der Stückemarkt statt. Ich war als Scout in Kroatien unterwegs, leider konnte es nur Zagreb sein, aber auch Zagreb allein hat viel zu bieten. Hier der Essay über das kroatische Programm, der auch im Programmheft erscheint.

Escape from Reality

Wenn man in Kroatien aus dem Flieger steigt, betritt man einen typischen Transformationsstaat. Doch was heißt schon „typisch“? Ganz typisch ist hier sicher kaum etwas. Und wird es so schnell auch nicht werden. Kroatien muss sich neu erfinden. Genauer: Sich innerhalb bestimmter Vorgaben neu erfinden. Das Bewusstsein, für eine Unabhängigkeit gekämpft zu haben, die sich als negative Utopie entpuppt, ist neben dem Kriegstrauma sicher die größte Wunde. Man wollte eine Gesellschaft nach eigenen Wertmaßstäben, das war der Traum, dem viele und vieles zum Opfer gefallen ist. Mit diesen gefallenen Träumen gehen die Menschen nachts in ihre Betten, gehen Regisseure an ihre Arbeit und Schauspieler an ihre Rollen heran. Es ist ein permanenter Abgleich der Wirklichkeit mit den Träumen, für die sie reale Opfer gebracht haben. Nun hagelt es statt Sterntalern Vorgaben darüber, wie eine Wirtschaft aufzubauen ist, wie diplomatische Beziehungen zu gestalten sind, wer sich Besitz aneignen darf und ob er daraufhin Verantwortung übernehmen muss für die Gesellschaft. Für postsozialistische Staaten ist letztere sicher eine der undenkbarsten „Ob-Fragen“.
Die postsozialistischen Jahre haben Arbeitslosigkeit mit sich gebracht. Der Mensch vor Ort spielt in Anbetracht wirtschaftlicher Kalkulationen nur eine Rolle als Variable in den Berechnungen nach mehr Profit. „Haben wir dafür gekämpft?“ ist die häufigste Frage, die dadurch, dass sie im alten System gar nicht erst hätte gestellt werden dürfen, nur an Komplexität gewinnt.
Kroatien, und somit das kroatische Theater, befindet sich an einem schwierigen Punkt seiner Geschichte. Es muss realistisch bleiben und trotzdem hoffnungsvoll, ein Spagat, der die Kreativität zum Äußersten zwingt. Seit die Gegenwart den Weg auf die Bühnen gefunden hat, lädt alles dazu ein, das kroatische Theater als spannenden Mikrokosmos derzeitiger Demokratisierungsprozesse zu beleuchten.
Die großen Nationaltheater in Zagreb, Rijeka, Split und Osijek haben sich allerdings dem klassischen Repertoire verschrieben. Ein Ausweg aus der Realität der Nachkriegszustände? Wohl kaum. Der Eskapismus vollzieht sich eher vor den Fernsehern, auf alten Sofas, wo das Konsumieren nichts kostet. So bilden sich sehr schnell zwei Strömungen: Die einen, die ein Theater wünschen, das mit ihrem Leben zu tun hat und die anderen, die von ihrem Leben nichts mehr wissen wollen, schon gar nicht auf der und durch die Bühne. Die Nationaltheater erfüllen die Bedürfnisse letzterer, doch ein großer Teil kleinerer und privat geführter Theater nimmt diesen Widerspruch als Zündstoff und
befreit das Land auf seine Art von dieser Dichotomie: Wenn ihr nicht hinsehen wollt, dann werden wir mal hinsehen, weshalb ihr nicht hinsehen wollt! Ein starker Ausgangspunkt für Theatermacher.
Dabei ist es unnötig, das Politische und Private einander gegenüberzustellen, nichts scheint politischer als das Private. Die jüngste Geschichte hat gezeigt, was das Politische für ein Individuum bedeuten kann. Geschichten, die das Individuum zeigen, müssen sich nicht rechtfertigen, sie sind die relevantesten Geschichten dieser Zeit, sie sind Menschen gewordene Politik. Große Theaterabende spielen in den Wohnzimmern kleiner Menschen, weil Fragen gestellt werden müssen darüber, weshalb das Individuum diesen Raum nicht mehr verlassen möchte. Jedes Scheitern und Gelingen des Einzelnen spiegelt die politischen Verhältnisse, das ist der Konsens und befreit das Theater von der hierzulande vorherrschenden Angst, sich in Privatheit zu verlieren. Das Gastspiel von S DRUGE STRANE (AUF DER ANDEREN SEITE) ist ein künstlerisch überzeugendes Kind dieses Gedankens und gilt als „Exportschlager“. Hier kämpfen die Söhne gegen zu viel Mutterliebe, die Mütter gegen zu viel Einsamkeit, die Nachbarn um Freundschaft und die Männer um einen Nachkriegskuss. Das tun sie in einer erschütternden Einfachheit, sodass der Eindruck entsteht, man sieht seinen Freunden bei der verbalen Zersetzung zu. Dabei staunt der Zuschauer nicht schlecht, dass in Anbetracht solcher Kämpfe der Humor noch mit am Tisch sitzen kann. Ein weiterer „Exportschlager“ ist FALLSCHIRMSPRINGER (PADOBRANCI), ein Kinderstück, das sich der Kunst des Fallens widmet, ganz ohne Worte auskommt und so zum internationalen Überflieger wurde. Dem Entschluss, es einzuladen, folgte ein heißer Kampf um die umworbenen Termine, und nur mit großem Einsatz konnten wir es für Heidelberg gewinnen. Nicht nur für Kinder kommt dieses Stück dem Erlebnis von Schwerelosigkeit gleich und ist somit allen Altersklassen wärmstens zu empfehlen.

Es sind vorwiegend die Off-Bühnen, die das Risiko eingehen, vom gegenwärtigen Leben der Menschen zu sprechen, von einem Leben, von dem die meisten nichts mehr wissen wollten. So, auf der Bühne, erhält es in der schonungslosen Darstellung jedoch eine Aufwertung. Die Realität hat den Weg auf die Bühnen gefunden. Das wäre vielleicht schwer erträglich, wäre da nicht der schwarze Humor, der das Leben und somit auch die Kunst dieses Landes rettet. Man muss keine Angst haben vor Extremen, solange einem das Lachen zur Seite steht. Es ist die denkbar größte Gabe dieses Landes und somit auch ihrer Kunst, dank der Brille des schwarzen Humors der Wirklichkeit ins Auge sehen zu können. Zahllose Produktionen meistern diesen Spagat, auch das zum Autorenwettbewerb eingeladene Stück ŽICE I ŽILETI (DRÄHTE & RASIERKLINGEN) zeigt dieses Talent zum absurden Lachen. Wir kennen das, wir kennen es nur länger und deswegen nicht mehr so gut. Der kroatische Blick auf unseren Alltag ist von einer Schärfe und Unbestechlichkeit, wie er hierzulande kaum mehr zu finden ist.
Viele Theater warten nicht auf die richtigen Stücke, obwohl es derer viele gibt. Sie schicken ihre Schauspieler in die Vorstädte und bitten sie, einen Blick auf die Realität dort zu werfen. Unsere drei Gastspiele stehen allesamt in dieser Tradition, sodass sich dank der gewählten Mischung aus Gastspielen und Lesungen des Wettbewerbs ein durchaus repräsentatives Bild zusammensetzt.
Was experimentelle und realitätsnahe Arbeit betrifft, spielt das Teatar Exit in Zagreb eine herausragende Rolle, die dem kleinen Haus Kultstatus verschafft hat. Die Aufführungen sind ausverkauft, die Zuschauer jubeln, klatschen, kommentieren, die Stimmung gleicht eher einem Popkonzert denn einer Theateraufführung. Dieses privat geführte Theater stellte sich dem Bedürfnis, das eigene Leben nicht auf der Bühne sehen zu wollen, mit solcher Wucht entgegen, dass plötzlich die ganze Stadt in die Säle strömte, um dem eigenen Leben zuzusehen. Ich muss hinzufügen, dass Kroatien ein Land voller Originale ist und die Menschen sich oft schillernder und gewitzter finden als die Figuren, die man ihnen auf der Bühne vorsetzt. So war die Abkehr von Stücktexten kein Mangel, sondern die Bewusstwerdung einer Ressource: nämlich die glänzenden Qualitäten der Schauspieler zu nutzen, sie nicht in Rollen zu pressen, sondern sie sich entfalten zu lassen. Das ist nicht zuletzt einer der Gründe, weshalb abends sehr viele junge Leute den Weg ins Theater finden. Da jegliche Versuche, die Wortkaskaden und regionalen Bezüge in den kroatischen Stücken sinnvoll zu übertiteln, Scheitern müssen, wird diese Verspieltheit im Umgang mit der eigenen Kultur dem deutschen Publikum leider schwer zugänglich sein. Darum haben wir uns schweren Herzens entschieden, das Teater Exit nicht einzuladen.

Aber auch das zum STÜCKEMARKT eingeladene und mit den meisten Preisen ausgezeichnete kroatische Stück 2007, VRATA DO (TÜR AN TÜR) von Rene Medvešek, zeugt von der Tendenz zum Autorentheater und zur Stückentwicklung. Erst mittels entschiedener Hinwendung zur Work-in-progress-Methode fand Medvešek Zugang zu einer kritischen und lebendigen Darstellung der gegenwärtigen Situation in Kroatien. Er untersuchte die Rolle der Medien und die damit zusammenhängenden Veränderungen im Nachbarschaft genannten sozialen Mikrokosmos. So ist es nicht zuletzt dem Erfolg dieser Stücke zu verdanken, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Spielpläne mit kroatischen Autoren gefüllt werden. Die Texte entstehen hierbei vielfach erst mit dem Ensemble, sie sind nicht zwingend und formgebend. Das bringt auch, wie bei den hier eingeladenen Gastspielen, eine kreative Auseinandersetzung mit jenen, die auf der Bühne stehen, mit sich. Das Leben aller wird zum Material. Sprache spielt dabei, selbst wenn nicht klassische Texte zugrunde liegen, eine außerordentliche Rolle.

Die Texte sind einerseits in den Hintergrund getreten, und dennoch sind es gerade die kroatischen Autoren, die das Herzstück des Theaters ausmachen. Ein Widerspruch? Nicht für Kroatien. Rene Medvešek gilt als Prinz des kroatischen Theaters. Ivana Sajko ist die erfolgreiche Vertreterin eines avantgardistisch-experimentellen Schreibens und feiert vor allem große Erfolge im Ausland. Das Zimmertheater Tübingen wird mit der deutschen Erstaufführung von EUROPA zu Gast im zwinger3
sein. Ivana Sajkos Konzept unterscheidet sich insofern von anderen kroatischen Autoren, als sie radikal mit nicht klassisch-dramatischen Formen arbeitet; ihre Frauen jedoch sind Frauen und zugleich Archetypen. EUROPA ist ein vielversprechender Theaterabend, der die Ivana Sajkos zugrunde liegende Poetik gekonnt in Szene zu setzen weiß. Von Ivana Sajko wird auch BOMBENFRAU (ŽENA BOMBA) mit Studenten der Theaterakademie Mannheim im friedrich5 zu sehen sein. Tena Stivičić, ein junger Nachwuchsstern unter kroatischen Autorinnen, wird vor allem in London gespielt und gefeiert. In Heidelberg wird sie mit ihrem ersten großen Erfolg FRAGILE! beim Autorenwettbewerb Gast sein. Ivan Vidić und Mate Matišić beseelen mit Stücken wie ŽENA BEZ TJELA (DIE FRAU OHNE KÖRPER) die Bühnen vieler Staaten, deren Wirtschaftsordnung sich von einer zentral gelenkten Planwirtschaft zu einem marktwirtschaftlichen System entwickelt. Die Autoren stellen mittels ihrer Figuren wichtige Fragen. Dabei sind die formalen Mittel teilweise klassischer als bei anderen jungen Autoren, als müsste man sich fester an die Form halten, wenn Geschichten über Bürgerkrieg und Genozid den Rahmen sprengen. Der kroatische Teil des Autorenwettbewerbs wird beim STÜCKEMARKT verschiedene Facetten der jungen Dramatik zeigen. Tena Stivičić ist als Vertreterin der urbanen jungen Frau dabei, die die Geschichte ihres Heimatlandes gekonnt mit dem Schauplatz ihrer Wahlheimat London verbindet und dabei herzzerreißende Figurenkonstellationen findet.
Aus Mate Matišić, der fast schon ein Urgestein ist, spricht die geschundene kroatische Seele in Bildern. Und Elvis Bošnjak ist ein nicht wirklich greifbares enfant terrible, das dennoch gerne Preise abräumt. Die Themen der Autoren sind so verschieden, dass der Abend des Autorenwettbewerbs dem Zuschauer sicher so viel Abwechslung und Freude stiften wird wie mir die Auswahl.

Ein Grund, weshalb einige hervorragende Autoren eher im Ausland als in Kroatien Erfolge feiern, ist der Mangel an herausragenden Regisseuren und Dramaturgen. Die Umsetzung der Stücke bleibt oft hinter dem Potential des Geschriebenen zurück, was zum Teil die Erfolge der als „work in progress“ entwickelten Stücke erklärt. Zudem wird die Tradition von Prosa-Adaptionen weiter gepflegt, populäre Werke, die als Publikumsmagneten gelten, werden von den Bühnen oft den jungen, weniger bekannten Autoren vorgezogen. Die schonungslose Haltung vieler junger Autoren, die oftmals auch daher rührt, dass sie im Exil schreiben und das Land aus kritisch-intellektuellem Abstand betrachten, stößt nicht immer auf Begeisterung. Zudem erschweren gesetzliche Richtlinien, die die städtischen Behörden als Beratungsinstanz bei staatlich geförderten Theatern vorgeben, die von der Politik unabhängige Programmgestaltung. Aus diesem Grund ist gerade die Off-Szene, die privat und unabhängig arbeitet, ein Hort der Wahrheit. Theater wie das Teater Exit und das Teatar & TD in Zagreb experimentieren auf verschiedene Weise, doch beide frei von Zugriffsmöglichkeiten der Politik. Während das Teater Exit von der Gunst des Publikums abhängig ist, kann das Teater & TD als avantgardistischer Experimentierraum angesehen werden.
In studentischen Räumen laborieren Theatermacher wie BADCo auf hohem Niveau über Themen wie Verdrängung, Schmerz, Erinnerung, Utopie, Kapitalismus, Musik und Tanz. Teilweise spielen sie ihre Aufführungen auf Englisch, was den Wunsch spiegelt, die eigenen Grenzen zu sprengen. Wir haben uns beim STÜCKEMARKT mit S DRUGE STRANE (AUF DER ANDEREN SEITE) sowie VRATA DO (TÜR AN TÜR) für kroatischsprachige Inszenierungen (mit deutscher Übertitelung) entschieden, von kroatischen Autoren, im festen Glauben an ein Publikum, das auch jenseits von Sprachbarrieren die Sinne zu schärfen weiß. Und nicht zu vergessen, neben BOMBENFRAU (ŽENA BOMBA) und EUROPA, die beide auf Deutsch gespielt werden, zeigen wir das wunderbare FALLSCHIRMSPRINGER (PADOBRANCI), das ganz ohne Worte zu begeistern versteht.

Diese Woche wird “Die Namenlose” zehn Mal bei Hugendubel auf der Homepage verlost. Es gibt eine Frage, die lösbar sein müßte, wer also das Buch noch nicht hat kann ja mal unter www.hugendubel.de sein Glück versuchen.

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