Wobei ich mit dem eigenen Land in diesem Fall die Sprachgemeinschaft meine. Woher es kommt, dass der Künstler gerade im eigenen Land nichts zählt, bleibt ein Mysterium. Jedenfalls zerreist Elmar Krekeler Jelineks neues Werk im Internet mit folgenden Worten:
„Weitgehend kommentarlos steht der Text auf Jelineks Homepage. Spärlich strukturiert. Gar nicht lektoriert…. Im Prinzip äußert sich darin nichts als das Desinteresse am und die Missachtung des Lesers. Kilobyte um Kilobyte kotzt der Dichter ins weltweite Gewebe. Und nach ihm die Blattflut.“ Die Welt 24. 05. 08
Am 5. Juni 2008 schreibt Nicolas Spice dagegen in der London Review of Books :
„Part of the mission of this way of writing is to go down into the cellars of the language and unlock long buried relationships between words. For example, the phrase ‘Im Verlassenen’ is an invention, a gerundive formed from the verb verlassen, ‘to leave’, ‘desert’ or ‘abandon’. ‘Im Verlassenen’ means something like ‘in a place of essential abandonment’ or ‘in abandon-ness’, and it draws to the surface the derivation of Verlies – the word for ‘dungeon’ used to describe the Amstetten cellar – from verlassen. A Verlies is a place where you are abandoned.“
So viel allein zur Sprache. Bedarf es ausländischer Magazine, um die eigenen Sprachspiele zu würdigen? Nicht zuletzt die Interpretationen ihrer Texte und Thesen, gewagte Zusammenhänge zwischen dem täglichen Pin-ups der Sun auf Seite drei ( oder der Bild Zeitung auf Seite 1) und Verbrechen wie solchen in Amstetten, einfach eine Kettenreaktion im Gedankenspiel „Frau als Ware und Wunscherfüllerin“ der Männer? Brauchen wir für alles den Blick von Aussen? Und was ist mit dem Blick von Innen , wenn er unerträglich wird, weil er sich doch einen Funken besser auskennt, die dunklen Stellen doch am hellsten ausleuchten kann, können wir solche Einsichten nur zertrümmern statt würdigen und mit eigenen Assoziationen spielen?
Natürlich ist Jelinek nicht leicht verdaulich, natürlich will keiner hören, was sie sagt, wenn sie beispielsweise jeglichen Fortschritt für die Frauen in der Gesellschaft verneint. Es findet sich heute kaum mehr jemand, der nicht Angela Merkel oder Hillary Clinton als Gegenbeispiel nennt, vielleicht haben diese beiden Frauen der Frauenbewegung mehr geschadet als geholfen. So wie sich unter Schwarzen in den USA eine starke Elite herausbildet und zugleich eine Verschlechterung der Lebensumstände in den Ghettos zu vermerken ist, so bildet sich auch bei den Frauen eine immer größere werdende Kluft zwischen den Erfolgsfrauen und jenen, die von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nichts mitbekommen, deren Zustand sich verschlimmert, aus welchen selbst- oder fremd-verschuldeten Gründen auch immer. Um nochmal den Nicholas Spice zu zitieren:
„While Jelinek has won just about every prize that is open to a writer writing in German, her reception by the defenders of the rights of the ordinary reader has often been venomously negative. When she won the Nobel Prize, the attacks became almost hysterical. Jelinek said that she had expected this but that even she was taken aback by the sheer nastiness of what was written about her – by Matthias Matussek in Der Spiegel, for example, or Iris Radisch in Die Zeit or Ruth Franklin in the New Republic. The destructive personal animus in these attacks needs explaining. The explanation lies more, I think, with Walter Klemmer than with Kurt Janisch. Walter’s rage and brutality, never far below the surface, is summoned by Erika’s literary imaginings. Her crime is to undermine his view of himself as a healthy, normal, loving young man. In Klemmer, Jelinek portrays the normal as monstrous and this is the crime for which, it seems, she cannot be forgiven.“
Wie wäre es, über den normalen Wahnsinn zu sprechen, ohne vor ihm in die Knie zu gehen? Wie wäre es, anzuerkennen, dass unerträglicher Wahnsinn, Ekel und Abstoßung, wenn er literarisch verarbeitet wird, nicht der Literatur Übel genommen werden darf, sondern der Welt, in der all das entsteht? Wenn Jelinek ihre Informationen über die Welt, wie sie behauptet, aus dem Fernsehen bezieht, was ließe sich dann über die Welt sagen, die das Fernsehen vermittelt, und wenn man ihr Weltfremdheit vorwerfen möchte deshalb, so möchte man bitte nochmal die Statistik von der Anzahl der Fernsehstunden pro Tag und Kopf zur Hand nehmen und nachzählen für wie viele dieses Quadrat die Welt bedeutet…
Das hat nichts mit der Jelinek zu tun, es ist das „kommentarlos“ und „unlektoriert“. Das unordentliche, das Revolutionäre. Die Dichterin kommuniziert mit ihren Leser/innen direkt, ohne jedwede Erklärungen seitens der Kritik. Wie kann sie es wagen? Wie kann man es wagen ohne die weltliche Unterstüzung, oder die zeitliche oder die fazliche oder nzzliche, irgendetwas lesen zu wollen. WAS wagt die Frau ohne Verlag?
Das ist das Thema, von der FR bis zur Welt?
Was schert da Inhalt?
Ich glaube schon, dass es auch mit der Jelinek zu tun hat, dass jemand so erfolgreiches ihnen ihre Rollen abspricht, ihnen den Raum nimmt, sich als Verurteiler zu profilieren, in diesem Fall wäre das nämlich ein Haufen Arbeit, für die man ja nicht gut genug bezahlt wird, was ich verstehen kann, aber dann muss mans halt so sagen, statt sich an der Form aufzuhalten ; schön formuliert find ich die „weltliche, fazliches und nzzliche Unterstützung“… Gegen die Angst vor Auslöschung ist zunächst nichts zu sagen, doch der Umgang mit ihr ist erschreckend… Statt das Spiel auf einer Metaebene mitzuspielen oder es zu lassen bekommt man zeilenlange Berichte über die Ausdruck-konditionen etc… Ich finde Jelineks Schritt sehr konsequent, es ist das Ausleben der eigenen Standpunkte und somit konsequenter als alles, was wir seit Jahren bekommen…