…zumindest was den Umgang mit Minderheiten während der EM betrifft:
Neulich, nach dem fulminanten Sieg der türkischen Nationalmannschaft über die tschechische, erwarte ich eine schlaflose Nacht, ein wohlverdientes Hupkonzert der türkischen Fans als Ausdruck ihrer ungebremsten Freude über die unerwartete Wende des Spiels. Doch kaum hat die ´joyride` der mit türkischen Fahnen drapierte Autos begonnen, endet sie auch schon jäh.
Ich bin verwundert, sehe aus dem Fenster auf den Bismarckplatz, die kleine Großstadtsimulation im Herzen des ansonsten beschaulichen Heidelbergs. Ein silbergrüner Polizei-VW-Bus steht quer auf der Hauptverkehrsstraße vor meinem Haus. Blaulicht. Im ersten Moment denke ich an einen Unfall, ein Unglück, im zweiten Moment erkenne ich, um welche Art Unglück es sich handelt: Die Polizei hat Streifenwagen auf der Straße quergestellt, um die Kolonnen der Türkei-Fans zu stören, das Hupkonzert ist nicht aus mangelnder Leidenschaft innerhalb von Minuten versiegt, sondern dank staatlicher Kontrolle.
Ich gehe auf die Straße, zum Polizisten, um zu erfragen, was es mit dieser Hauptverkehrsstraßenblockade auf sich hat. Der Polizeibeamte lächelt beamtisch: Man muss die Verkehrssicherheit gewährleisten, so die Anordnung für den heutigen Abend. Ich erinnere ihn daran, dass genau hier vor zwei Jahren, als das deutsche Sommermärchen vom WM-Sieg sich fast erfüllte, stundenlang hupende Autokolonnen fuhren, während jubelnde Fans ausgelassen tanzten und Flaggen schwangen. „Ja, das mag sein.“ (Pause) „Aber Sie wissen ja, wie die fahren.“ – „Wer sind denn die?“ frage ich unwissend. „Na, die Türken“, stellt er klar, „die fahren…“, nuschelt er…, „ungehemmter.“ Wobei sein „ungehemmter“ mit einem bescheuert-verschrägten Gesichtsausdruck landläufiger Allwissenheit aus dem Mund geschossen kommt. Als ich um seinen Namen bitte, schüttelt er lachend den Kopf und betont, dass er nur seine Arbeit verrichtet. Wie alle. Wie immer.
Es scheint ein nebensächlicher kleiner Vorfall in einer gutbürgerlichen deutschen Kleinstadt, doch mit welcher Selbstverständlichkeit hier „von oben“ eine Domestizierung der Türkei-Fans betrieben wurde, ist mehr als ärgerlich. Ich frage mich, ob das in Berlin, Frankfurt oder Stuttgart möglich wäre, wo hinter den Minderheiten mehr Menschen stecken. Und ich frage mich, wie es in noch kleineren Städten Deutschlands aussieht. Es sind solche Alltäglichkeiten, die die Stimmung eines Landes ausmachen, nicht nur wie kosmopolitisch sich Berlin zu geben weiß und wie man möglichst prestigefördernd in Flughäfen und Bahnhöfe investiert. Man möchte meinen, man befindet sich in einer pluralistischen, multi-ethnischen Gesellschaft, in der sich auch Minderheiten, die eben nicht vermindert zur Staatskasse gebeten werden, unvermindert ausdrücken dürfen.
Die Tatsache, dass gestern Abend nicht einer der angeblich bedrohten Passanten oder Verkehrsteilnehmer stehenblieb und die Polizisten auf diese seltsame, unnötige Order ansprach, nicht einer sich erzürnte oder eine Rechtfertigung verlangte, zeigt, wie sehr alle Beteiligten in sich gefangen sind:
Die Fans der Türkei nehmen sich das Recht nicht, es scheint sie auf seltsame Weise nicht zu wundern, und das Übel, mit dem man rechnet, muss man nicht anprangern, meint man. Resignation. Die Anderen scheint es nicht zu betreffen, ob der türkische Sieg gebührend gefeiert werden darf und warum es heute Nacht anders ist als nach Deutschlandspielen. Auf meine Frage, weshalb niemand etwas gegen diese Aktion einwendet, antworten meine Freunde deutscher Herkunft routiniert: Angst vor der Polizei. Immer die Angst vor jemandem. Die Ausreden sind schnell gefunden, stehen wie gut gelernte Vokabeln zu jeder Tages- und Nachtzeit parat. Ich wage zu ergänzen: Angst vor der Polizei ist eine weitere Ausrede für Bequemlichkeit, für eine Einstellung, die sich zusammenfassen lässt unter: Ein anderer wird es schon richten. Dafür sind ja die Politiker da, das Feuilleton, die großen Debatten.
Es mangelt hierzulande an gesellschaftlichem Bewusstsein des Einzelnen, an einer Bürgerpflicht, die hinter alltäglichen Vorfällen das große Ganze sieht, Tendenzen erkennt, Transferleistungen herstellt über den Zustand eines Landes. Vielleicht mangelt es sogar an dem Willen dazu. Vielleicht sind alle noch Schach-Matt gesetzt von der Zerstörungswut der 68er hierzulande und all den Artikeln, Filmen und Büchern darüber, aber so zahm muss es auch nicht zugehen in einem Land, so unbetroffen von allem, was vor der Haustür geschieht. Ich höre immer wieder in allen Mündern und Medien diesen kindlichen Wunsch, dass doch endlich einer etwas Tolles tun soll, Lehmann zum Beispiel, oder Jogi Löw, es braucht endlich jemanden, der dem Land etwas Positives vormacht, so wie Klinsmann, – der ohne eine handvoll Mental-Coaches dieses Land beruflich erst gar nicht betritt. Diesmal müssten letztere den Glauben an ein ´Wunder von Wien` zerstören, denn Wunder geschehen nicht von selbst.
Die Angst vor der Polizei existiert tatsächlich, ist aber nicht unberechtigt. Recht schnell sitzt man wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beamtenbeleidigung etc. und einen Knüppel hat man schnell einmal im GesichtIch bin da auch schon vorsichtiger geworden, wiewohl du natürlich in Bezug auf das konkrete Geschen sehr sehr recht hast.
ich frage mich dann nur, wie kommt man sich als ausländer hier vor. sie, die deutschen dürfen feiern, und wieso sie nicht?????????
wir alles sind menschen, oder …………………………