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Die ZEIT läutet die große Urheberrechtsdebatte ein. Man möge das geistige Eigentum schützen, all jene, die illegalen Austausch von Geistesergüssen fördern, hinter Gitter befördern und zu Millionenstrafen verbannen.

Leitartikel, vorne links. Die Debatte ist im Print angekommen. Geistiges Urheberrecht. Wie wenig die Printmedien sich für geistiges Urheberrecht interessieren, wird dabei unter den Tisch gekehrt. Derzeit sind sie die Schutzengel der Urheber. Man verfolge zu dieser Haltung den Fall Hürlimann meets FAZ und Perlentaucher Das Internet will alles umsonst, Zeitungen wollen es so gut wie umsonst. Da scheint mit „umsonst“ wesentlich transparenter. Mit „umsonst“ läßt sich arbeiten, da weiss man, womit man am Ende des Monats rechnen kann, hebt sich das Schreiben für den Feierabend auf und kann noch etwas sinnvolles anfangen mit dem Rest seiner Zeit.

Die Schutzpatronen der Urheber bezahlen selbst nämlich ein Zeilengeld, mit dem man die Finanzkrise hätte voraussagen können. Online-Abdrucke wortlos all inclusive. Verwertungsrechte ebenso. Schließlich steht der Artikel des Urhebers ja in der Zeitung und die wird schließlich gelesen, da kann man nicht mehr verlangen, schon gar keine Entgeltung in Form von Euros… „Der Artikel wird aber gelesen“ klingt wie der eigentliche Lohn, doch den gibt es auch im Netz, ganz umsonst und ohne Redaktionszensur, für all jene also, die gelesen werden wollen, nicht die schlechteste Lösung.

Genau genommen ist das alles ein Debattenschauspiel: Jene, die wenig bezahlen, rücken jenen, die nichs bezahlen auf den Leib. Im Grunde ist es die Angst um den eigenen Redakteuersessel und nicht die Sorge um das Konto der Verfasser. Denn Fakt ist: Der Urheber behält in den meisten Fällen die Rechte, doch erhält er kaum Geld. Oft tritt er auch noch dumm und dusslig sein Recht mit einem unbedachten Vertragsabschluss ab. Hilflosigkeit, Idealismus und eine gute Prise Dummheit wohl, letztere könnte man auch durch „falsch verstandene Selbstverwirklichung“ oder „den Glaube an einen öffentlichen Diskurs“ ersetzen.

Der Kampf der Printmedien gegen das Internet ist kein Kampf um gerechte Entlohnung, es ist ein Kampf um Hoheitsrechte. Kein Kampf um Qualität. Denn zu diesen Preisen gibt es keine Qualität, das hat uns H&M längst am eigenen Leib spüren lassen.

Die Debatte um Urheberrechte betriftt nicht nur Autoren, Wissenschaftler und Künstler, sondern auch freie Journalisten. Gerne werden hierzulande vorzeigeamerikanische Journalisten für sechsjährige Recherchen für Reportagen in den Himmel gelobt, niemand fragt nach STRUKTURELLEN Hintergründen dafür. Als wäre hier jeder Journalist zu dumm, eigensinnig und weltfremd, um gründlich arbeiten zu wollen. Die Rezipienten, die Qualität WOLLEN, stellen das nächste Problem dar, das  STRUKTURELL anzugehen wäre. Wo sind die Leser hin, die Inhalte wollen statt Fakten und Aufzählungen von Statistiken? Die bereit sind, für Inhalte Geld auszugeben? Heutzutage ist man schon dankbar, wenn Leute überhaupt Lust auf Inhalte haben. Doch statt sich strukturellen Überlegungen zu widmen wird immerzu der Untergang des Abendlandes beschworen, das Ende einer wohl gepflegten Kultur.

Es gab einmal eine Zeit, da sprachen weise, grauhaarige Männer noch von Geboten für den Journalismus, die inhaltlicher Natur waren. Dabei spielte das Geld eine wichtige Rolle, vielleicht, weil ohne das Geld die folgenden Punkte schwerer zu garantieren waren:

  1. Gute Journalisten brauchen eine gute Ausbildung.
  2. Guter Journalismus kostet Geld.
  3. Journalisten müssen unabhängig von ökonomischen Interessen sein.
  4. Gute Journalisten brauchen einen eigenen Kopf.
  5. Journalisten müssen Zusammenhänge erkennen.
  6. Journalisten sollten einen Standpunkt haben.
  7. Journalisten sind Beobachter, nicht Handelnde.
  8. Journalisten sollten die Wirklichkeit abbilden.
  9. Journalisten tragen Verantwortung für das, was sie tun.
  10. Journalisten tragen Verantwortung für das Gemeinwesen.

Johannes Rau, Bundespräsident, Juni 2004. Seither ist eine Ära vergangen.

Urheberrechte wurden seit jeher ausgebeutet, sei das im Verlagswesen oder der Musikindustrie, in den Printmedien oder im Netz. Die Debatte beginnt weit vor dem Internet, das Internet fordert sie lediglich neu ein. Mäzenentum, Urheberrechte, immer wurde eine Lösung gefunden, derzeit sollte sie erneut gesucht werden, statt das Ende des Abendlandes einzuläuten …

Heute hat ein Journalist eine gute Ausbildung, Geld soll er aber nicht kosten, geschweige denn eine Anstellung. Ein eigener Kopf ist gefragt, solange er dem Chefredakteur gefällt. Für Zusammenhänge ist weder Platz noch Zeit, der Leser hat schließlich ein breites Angebot, mit dem er seinen Tag füllt. Den Standpunkt übernehmen die Leserkommentare, die ungefiltert die Geisteshaltung des Gemeinwesens wiederspiegeln – nicht immer im Bewußtsein der Verantwortung für das Gemeinwesen. Journalisten könnten auch handeln, nachdem sie beobachtet haben, meine Meinung.Ökonomische Interessen haben sie keine, lassen sich nur gerne zum Essen einladen, das verbucht man jedoch unter kulinarisches Interesse oder Bundespresseveranstaltung. Die Wirklichkeit ist ohnehin nicht mehr abzubilden, weshalb sollte Journalisten gelingen, was kein Künstler mehr vermag? Und Verantwortung zu übernehmen  für das, was man tut, ist eine Lektion, die keiner erteilt in dieser Zeit. Der Staat hilft gerade einem Haufen Verantwortungsloser aus der Scheiße, weshalb sollte irgendeiner bei Verstand daraus schließen, dass er für etwas einzustehen hat?

Artikel in der SZ über den Verdacht, dass der Richter des Pirate Bay Protestes einer Lobby-Organisation zum Urheberrechtsschutz angehörte.

Almodovar

Im Grunde sind sie ja alle selbstverliebt, aber zum Glück sind manche derart selbstverliebt, dass die der welt etwas von ihrer selbstverliebtheit zurückgeben wollen… bei manchen klingt das schön, wie bei almodovar, wenn er über die rolle von musik in seinen Filmen schreibt:

„Film, for me, is representation, and so are the songs that I use as a narrative tool. Life isn’t as it’s seen in my films, nor is Madrid, nor La Mancha, nor the foolish, over-the-top women. My films tell my personal, unconscious, profound version of the life that surrounds me and is my inspiration. The same thing happens with songs.

Songs travel an oblique, fortuitous road until they fit into my films. At times they’ve had to become the opposite of what they originally were in order for me to connect with them“

Zum Almodovar Blog

Den ganzen Morgen verschwendet an einen Haufen nachvollziehbarer Gedanken. Nachvollziehbarkeit. Akademische Prämisse nr.1. Falsifizierbarkeit. Verrifizierbarkeit, am Ende steht ohnehin irgendwie Einigkeit, selbst wenn sie sich widersprechen, sind sie sich einig. Anlass: Zadie Smith lässt sich in der New York Review of Books über Netherland (Joseph O´Neill)  und Remainder (Tom Mc Carthy) aus, „Two paths for the Novel“ heißt der Essay. Ja, die Lady hat sich seit White Teeth beachtlich gebildet. Die linken Intellektuellen sind sich einig, dass sie zu einer Randgruppe gehören, dass ihre Fassung der Welt nicht gehört wird. So ein Schwachsinn. Diese Fassung der Welt wird gehört wie jede andere. Der Schaden ist, dass sie manchmal nicht verkauft wird, weil keiner das lesen, wissen und übers Leben denken will. Weil keiner aufstehen will mit dem Scheissgefühl, dass es Leben ohnehin nicht gibt und die Literatur dazu da ist, diesen Nicht-Leben-Thesen zu dienen. Diese Sicht der Welt ist nicht, wie die Lady sagt, jenseits des Mainstream, sie ist ebenso Mainstream wie der angebliche Mainstream. Inzwischen sind doch alle einfach nur gelangweilt von ihren eigenen Kategorien, von der Erhabenheit, die es auslöst, kein Gefühl zuzulassen, kein Gefühl darzustellen, kein Gefühl zu riskieren, könnte ja den Verstand ausschalten und die Zivilisation gefährden. Bei all der Langeweile in disguise of so-called Intellectuals springt heutzutage eben keine französische Revolution mehr hervor. Es gibt kein Gefühl, keinen authentischen Menschen, kein authentisches Leben und und. Deshalb brauchen wir wohl Schachteln, in denen wir denken, völlig abgekapselt vom Leben, damit einem nicht auffällt, dass man nichts mehr erlebt  und damit einen die lästigen Fragen eines Mittelschichtslebens, ob es das ist, wo man hinwollte, nicht länger behelligen. Man sagt einfach, dass ohnehin kein Mensch fühlen kann, dass Erfahrung Schwachsinn ist, Sinnsuche christlich und somit gestrig,  man sagt einfach und sagt einfach und sagt einfach und beschwert sich, wenn jene die zuhören, schwinden…

Im Gegesatz dazu

„Meine Sprache hat nur dann Schwerkraft, wenn ich aus meinen Erfahrungen spreche“(Ralf Rothmann)

Unglaublich, wie viele Spezilaisten es schon auf dem Gebiet des informellen Lernens gibt… Michael Wesch finde ich a league of its own, was er da macht ist nachahmenswert…

Zum Artikel in der Taz

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Leben in New York vor den Zeiten des Fernsehen, vor digitalen Medien, vor Bildunsangeboten für Kleinkinder, vor Vernachlässigungsthesen der Psychologen, vor vor vor…

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Liest hierzulande noch jemand Zeitung oder wird das alles nur Online gedruckt? Die Amerikaner haben die Vorstände der Versicherungsgesellschaft AIG (9 von 10) mit Protesten dazu bewogen, ihre Bonusprämien zurückzuzuahlen. Im  SpiegelOnline liest man Folgendes:

MILLIONENZAHLUNGEN

Dresdner-Bank-Vorstände lassen sich Abschied versilbern

Nach dem Kauf durch die Commerzbank sind die Vorstände der Dresdner Bank ihren Job los. Ihr letztes Jahr ließen sich die Manager aber vergolden. Trotz der Milliardenverluste verdienten sie weit mehr als jeder andere Bankvorstand in Deutschland. Zum Artikel

Von einem Streik bei der Bahn habe ich auch noch nichts gehört, von Mehdorns Selbstgefälligkeit hingegen einiges:

„Berlin – Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kam bei der abendlichen Pressekonferenz schnell zum Punkt: „Jetzt wird mein Rücktritt gefordert“, sagte er. „Hierfür, das sage ich ganz offen, stehe ich nicht zur Verfügung.“ Aus dem Spähskandal des Konzerns will er damit weiter keine persönlichen Konsequenzen ziehen.“

Zum Artikel mit hübschem Portrait von Mehdorn

Video über AIG Chef vor Gericht. Die Geduld der Amerikaner sei aufgebraucht. Bin gespannt, wann es hier so weit ist….

Kaum zu glauben…

… die Bundesbürger verlassen ihr Sofa… Am Samstag. Nachzulesen bei der taz. Und bitte den letzten Satz der Unterüberschrift nicht überlesen ;)

40.000 Menschen zu Demos erwartet

Gemeinsam gegen das Kapital

Berlin und Frankfurt erwarten am Samstag die bislang größten Demonstrationen gegen den Finanzkapitalismus. Ein breites Bündnis ruft auf. Banker fürchten sich vor Übergriffen. VON BENJAMIN LAUFER

Link zum Artikel

Und hier zum Vergleich:

Dort [in Frankreich] ist man allerdings weiter: An einem Generalstreik gegen die Krise beteiligten sich am 16. März mehr als zwei Millionen Menschen.
Zum Vergleich:
Die Ankunft der Nationalmannschaft ist für 14.30 Uhr geplant. 500.000 Fans wurden bislang erwartet, ARD und vom ZDF sollen live übertragen. (Quelle:JoP)

Unsere Jugend ertrinkt in Negativschlagzeilen und rettet sich in Nebenrealitäten

11. März 2009.

In der Nacht nach dem Amoklauf in Winnenden sendet das Südwestfernsehen eine Dokumentation über den Amoklauf in Erfurt. Es ist wie mit gesellschaftskritschen Büchern und Theaterstücken, setzt  man das gegenwärtige Problem in die Vergangenheit, sind Leser und Zuschauer erreichbarer:

So erzählen in diesem Dokumentarfilm auf  beeindruckender Weise Hinterbliebene der Opfer von dem Leben danach. Kaum einer behauptet von sich, in ein normales Leben zurückgefunden zu haben. Da erzählt ein Hinterbliebener von den Stunden mit seiner kleinen Tochter und Halbwaisen auf dem Friedhof. Vom Lachen, das trotz allem möglich ist, weil ein Kleinkind das Leben annimmt, wie es ist: Der Friedhof gehört ganz selbstverständlich zu ihrer Welt und macht die Mutter in besonderer Weise erfahrbar. Doch für uns Erwachsene ist die Welt nicht einfach, wie sie ist. Wir messen die Welt an dem, wie sie sein sollte. Eines Tages wird die kleine Tochter, die ihren trauernden Vater zum Lachen bringen kann, erwachsen sein und fragen, was an dem Tag, an dem ihre Mutter in den Himmel kam, geschehen ist, was in den Tagen, Monaten und Jahren danach. Sie wird anfangen, den Verlust, den sie erlitten hat, an dem zu messen, wie es hätte sein können, wie es sein sollte. Wenn sie Glück hat, wird sie ihr Schicksal annehmen können. Doch braucht es mehr als Glück. Es braucht das Gefühl, dass eine Gesellschaft Verantwortung übernimmt für das, was ihr aus dem Ruder läuft. Sie wird fragen, was all jene getan haben, die Glück hatten, ob sie es sich wieder bequem gemacht haben in ihren Sesseln und Sofas, beim Abendbrot mit ihren Familien in der heilen Welt und mit alltäglichen Sorgen. Sie wird zu einer Jugendlichen heranwachsen, die Fragen stellt. Keine Antwort wird ernüchternder sein als Gleichgültigkeit.

Die Gleichgültigen zu hassen, ist ein Vorrecht der Jugend, sie zu töten ein Irrlauf von Gefühlen, der nicht bagatellisiert werden darf, schon gar nicht durch Vergleiche mit Opfern von Autounfällen und die Hervorhebung der niedrigen Prävalenz solcher Ereignisse. School Shootings stellen ein relativ neues Phänomen dar. Der erste dokumentierte Vorfall ereignete sich 1974 in Olean im US-amerikanischen Bundesstaat New York. Bis Ende 2002 waren es insgesamt 75 Fälle weltweit, davon 62 in den USA, vier in Deutschland, vier in Kanada und fünf in anderen Ländern. Das jährliche Fallaufkommen hat innerhalb der letzten drei Jahrzehnte erheblich zugenommen. Noch Anfang der 90er Jahre waren es in einem Zeitraum von drei Jahren sechs Taten. Für den entsprechenden Zeitraum zu Beginn des neuen Jahrtausends (2000 bis 2002) wurden insgesamt 23 Vorfälle gezählt. Es sind keine Einzelfälle psychisch erkrankter Jugendlicher, im Gegenteil. Forschungsberichten zufolge weisen die Täter kein einheitliches demografisches Profil auf und nur selten schwere psychische Störungen. Sie stammen nicht aus „kaputten Elternhäusern“ und sind nicht ausschließlich sozial isolierte Einzelgänger. Der einzige gemeinsame Nenner ist, dass sie ihre Taten planen und nicht aus einem Impuls heraus begehen. Gesichert ist auch, dass Amoktäter sukzessive in einen tranceartigen, sehr eingeengten Bewusstseinszustand entgleiten, der sie in eine Nebenrealität versetzt. Etwas in den letzten Jahrzehnten hat Phänomen ins Leben gerufen, dem wir uns stellen müssen, um diese Jugend nicht an eine Nebenrealität zu verlieren.

Denn wir stehen vor einer erstaunlichen Jugend. Es ist nicht so, dass wir überwiegend verdummte Computerspieler vor uns haben, nein. Die Sätze, die die Klassenkameraden des Amokläufers von Erfurt in dem Dokumentarfilm von sich geben, sind druckreif, gefühlvoll, reflektiert. Die Gedanken, die junge Schüler in Gesprächsrunden seit dem Amoklauf in Winnenden formulieren, sind überraschend problemorientiert und betroffen. In dieser Jugend steckt ein Potenzial, das sie zu sprengen scheint, wenn es brach liegt. Die virtuelle Welt nimmt sie auf. Dort, auf diesem brachliegenden Boden, verfassen sie dann YouTube-Videos, die auf erschreckende Weise bezeugen, wie viele Jugendliche in der Gräueltat des Amokläufers etwas von ihrer Wut und Hilflosigkeit ausgedrückt sehen. Zahllose Kommentare derselben Art folgen. Wir dürfen diese Generation mitsamt ihrer Wut nicht dort zurücklassen. Sie weigert sich gegen den Ausverkauf ihrer Träume, denn wir bieten ihren Träumen in dieser Welt keinen Platz. Nur im Internet, in Videos und sonstigen Parallelwelten, in die sie sich flüchten. Die Schule langweilt sie, die Lehrer sind überfordert. Wenn Schüler gelangweilt sind, sucht man jedoch nicht nach neuen Unterrichtswegen, sondern plädiert für strengere Erziehung, liest Bücher über die Tyrannen, die wir angeblich heranzüchten. Nur wenige Fragen danach, wie man Unterricht angemessener gestaltet, ihrer Realität entsprechend. Stattdessen sollen Schüler die Schulbank als Übung zur Erhöhung der Frustrationstoleranz verstehen. Etwa um die Missstände unserer Gesellschaft später gekonnter zu tolerieren?

Die Politiker zeigen sich betroffen am Tag nach dem Attentat auf Winnenden. Sie zeigten sich betroffen nach Erfurt. Doch eine der ersten öffentlichen Äußerungen ist die, das Waffengesetz in Schutz zu nehmen. Noch ein paar Tage später wird die Eröffnung der Waffenmesse in Nürnberg juristisch erzwungen. Die dortige Gemeinde, die sich dem entgegensetzen wollte, wird sicher in der Schulzeit gelernt haben, solche Rückschläge zu verkraften; schließlich wird Geld gemacht und wo Geld gemacht wird, ist jedes Gegenargument idealistisch. Dass die beiden Amokläufer in Erfurt und Winnenden in unmittelbarer Nähe zu Schützenvereinen standen, wird wegdiskutiert. Sicher, die Schützenvereine sind nicht die Ursache, doch man muss einem Täter immer erst die Waffe aus den Händen nehmen, bevor man ihm den Prozess macht. In diesem Fall muss man der Gesellschaft die Waffe entreißen, bevor man sie analysiert. Dass es auch früher Schützenvereine gab, aber keine Amokläufe, tut dabei nichts zur Sache. Heute gibt es sie. In steigender Zahl. Dieser Realität gilt es gerecht zu werden. Nachahmungstäter stehen nach solchen Ereignissen Schlange. In diesem Zusammenhang ist die Rolle der medialen Berichterstattung zu diskutieren. Nicht nur Schützenvereine müssen sich der neuen Realität stellen. Auch Nachrichtensender, Zeitungen und Internetprotale.

Wir leben, allen Unkenrufen zum Trotz, im fortschrittlichsten Zeitalter je. Ein Status Quo mit dem -und in dem – es sich arbeiten lässt. Statt hinzusehen, erklären wir Kinder zu Ungeheuern, beschuldigen Videospiele, Kriegsfilme oder Waffen. All das spielt eine Rolle. Doch welche? Das herauszufinden, ist unsere Aufgabe. Nicht psychisch erkrankte Jugendliche greifen zur Waffe, sondern häufig solche, die sich in Zukunftsängsten verfangen, die im Gewand der Ausweglosigkeit daherkommen. Wer schürt diese Zukunftsängste in jungen Menschen, in uns? Sind sie wirklich? Oder sind auch sie eine Nebenrealität, die die ganze Gesellschaft allmählich in tranceähnliche Bewusstseinszustände versetzt, die mit der Realität nichts zu tun haben? Weshalb vermitteln wie die Wirklichkeit fast ausschließlich über Negativdefinitionen und Negativschlagzeilen, meist jedoch ohne folgerichtige Handlungen und politische Entscheidungen? Wo ist die Politik des konstruktiven statt des mittleren Weges? Wir sind diesen Weg den Opfern von Winnenden schuldig. Wir sind es jenen in Erfurt schuldig. In der Verantwortung, die eine Gesellschaft für ihre Opfer übernimmt, liegt das Wachstumspotenzial für eine Welt, in der die Hinterbliebenen eine neue Heimat suchen und finden könnten.

Fernschreiber

Ein weiterer Beitrag bei Zünfunk, Reihe Fernschreiber.

Infos zum Fernschreiber-Konzept:

http://www.br-online.de/pressestelle/presselounge/pressestelle-pressemitteilung-zuendfunk-ID1235484582002.xml

Nächster Beitrag, wird am 5. März um 19.05 Uhr gesendet:

http://www.br-online.de/bayern2/zuendfunk/zuendfunk-jagoda-marinic-fernschreiber-ID1236181258004.xml

…Slumdog Millionaire… Bis sechs Uhr morgens „Oscars gucken“. Dani Levys „ich gucke mich das schon an, in die Decke eingemurmelt bis zum Morgengrauen“ Aussage im Spiegel Interview zur Oscar-Nacht hat den Ehrgeiz in mir geweckt, es auch mal durchzustehen. Und es gibt vieles durchzustehen. Aber mein Gott, am Ende war man „dabei“ und darum geht es doch heutzutage … Die Slumdog-Crew stand wir ein Kirchenchor auf der Bühne, alle waren da, stolz, glücklich, ungläubig und selbstverständlich . Warum Henkel von Donnersmarck damals Martina Gedeck nicht mitnehmen „konnte“ ist mit seit gestern früh ein Rätsel. Die amerikanische Traumindustrie hat wieder ihren Traum bepreist, den Film hab ich nicht gesehen, aber wenn ein 15 Millionen Film einen 300 Millionen Film aussticht, dann erliege ich ja doch selbst immer wieder dem amerikanischen Traum und der Tatsache, dass sie ihn zulassen, immer wieder, solange man sich an seine Vorgaben hält …

Zum Slumdog Millionaire Trailer

Alle Oscargewinner bei SPIEGEL Online

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