Nun also doch

Ein kleiner Anfang. Es ist sicher der Himmel. In Zagreb noch war es, aus purem Zufall sicher, hellblau. Hellblau an der Grenze zu grell, wie es nur im Winter sein kein, bevor sich der schwüle Wolkensommerdunst aus dem Bergkessel zwischen Himmel und Stadt drängt. Auf dem Weg zum Flughafen eine seltsame Stille im Bus, als säßen keine Kroaten mit drin. Natürlich saß jemand aus Heidelberg im Bus, der/ die mich erkannte, aber ich erkannte die Heidelbergerin gerade nicht. Nicht hier. Man muss deutsch genug sein, um im Ausland keine Lust auf Deutsche zu haben. Nur in Kroatien stellt sich überhaupt die Frage nach der Nationalität, wie man nach einem Stück Land und Besitz fragt, so fragt man hier mit einer absoluten Selbstverständlichkeit nach der Nationalität. Dass das für Deutsche anderer Herkunft nicht immer eine Ein-Wort-Antwort bedeutet ändert nichts an der Selbstverständlichkeit ihrer Haltung. Vier Millionen leben in Kroatien und ihre Nationalitätsfragen bedeuten etwas ganz anderes. Überhaupt: Nationalität, kulturelle Zugehörigkeit sind Fragen die ganz andere Fragen nach sich ziehen als in Deutschland.Nach Tagen in Kroatien dennoch ein anderes Gefühl von Zugehörigkeit als heute hier in Deutschland. Ich fürchte, dass es weniger mit Nationalität als Mentalität zu tun hat, in Kroatien spricht man noch mehr miteinander, das bloße Herumstehen und in eigenen Gedanken versunken kann ist lange nich so ausgeprägt wie in Deutschland. Ich geniesse die ersten Stunden Ruhe zwischen Stuttgart und Heidelberg, aber dann stellen sich sehr wohl Fragen, die sich in Zagreb weniger stellen. Die Ruhe scheint dem Ich feindlich gesonnen.

In Zagreb eine Auslandsjournalreportage gesehen über Jugendkriminalität in Istanbul. Bei 15 Millionen Einwohnern weniger Übergriffe als in allen anderen Metropolen der Welt. Unverhohlen dürfen Journalisten Kahlauer reissen (Glaube keiner Statsitik die du nicht selbst gefälscht hast)… Dann die Überprüfungen, das Team hört sich vor Ort um… Ich möchte keine differenzierte Meinung bilden, alles, was mich interessiert, ist, dass es einhergeht mit der Erfahrung, dass das Involviertsein in kleine Gesrpäch das Ich beruhrigt, dieses belanglose Schnattern, das hier und da ein Lachen zur Folge hat und heirzulande und dazulande gerne oberflächliches Smalltalk genannt wird. Ergebnis des Auslandsjournalteams: ja, die Jungs sind ruhiger, die Metro kaum zerstört, ja, woran liegt das? Ein typischer Quoten-Arkan, der mit 15 aus dem Wesfälischen nach Istanbul ist, darf die Erklärung liefern: In Deutschland darf man machen, was man will. Hier interessiert es die Leute, was man macht… Die Toleranz des freien Willens wird als Desinteresse ausgelegt und der Journalist nickt… Es gibt auch viel zu Nicken. Ich denke an Arno Grüns Vortrag und die Studie über Eltern, die ihre Kinder zu spät vom Kindergarten abholen… Die Kinder wollen nicht mehr abgeholt und in den Arm genommen werden, jene Eltern, die diesen Willen nicht akzeptieren und die Kinder dennoch in den Arm nehmen, weil sie den Konflikt spüren, erweisen der Zukunft ihrer Kinder einen Dienst… Wieviel Freiheit im Sinne von Desinteresse an anderen, im Sinne von Nurinteresse an sich darf eine Gesellschaft sich erlauben. Es ist sicher keine neue Frage, aber diese Reportage hat sie wieder gestellt.

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7 thoughts on “Nun also doch

  1. servus,

    „In Deutschland darf man machen, was man will. Hier interessiert es die Leute, was man macht“

    interessante überlegung –
    seit meine jugend vorbei ist, mein ich schon auch, daß es nicht verkehrt ist, kindern und jugendlichen deutlich zu sagen was man tun kann, darf, soll – hauptsächlich natürlich, daß sie denken sollen, das ist immer nötig –
    das als interesse zu interpretieren ist vermutlich wahr – ich interessiere mich für dich also sag ich dir, was du tun kannst, ohne daß du probleme kriegst.

    ich kann mich genau an ein paar regeln erinnern und weiß, daß manche davon mein verhalten jetzt noch bestimmen. und bücher – ein beispiel ist „Die rote Zora“ – bis in einzelne formulierungen hinein hab ich das seit dem ersten lesen mitgenommen – verhaltensregeln daraus gelernt, sind nicht die schlechtesten, selbst, daß man sich in die falschen frauen verlieben kann, darf, manchmal muß …

    grüße
    SV

  2. Ja, schön, dass du den Satz herausgefiltert hast, der war letztlich der Grund, das alles überhaupt zu schreiben… müssen wir uns nicht immer auch den Reiben, was jene meinen, die es gut mit uns meinen? Andererseits dieser Kontrollzwang der Eltern heute, ich weiss es aucht, vielleicht gehört es einfach dazu, es immer zu hinterfragen…

  3. klar, über lange zeit muß man alles hinterfragen, muß sich wehren, sich selbst als stark und voller widerstandskraft empfinden – wenn man das hinkriegt ohne allzuviel schaden anzurichten ist das klasse –

    und
    was für eine große erleichterung, wenn man die eltern, die familie, die regeln aktzeptieren kann, frieden schließen, ohne daß man deswegen unbedingt mit allem einverstanden sein muß.

    grüße
    SV

  4. Liebe und Freiheit – welch großes Thema!
    Deshalb ist der „herausgefilterte Satz“ ja auch so wichtig. Ist nicht jede Liebe Freiheitsentzug? Wieviele Possessivpronomina werde nicht bei Liebeserklärungen verwendet? Und weil das so ist empfindet man das völlige Lassen als Lieblosigkeit. Gutmeinende müssen also Schranken, Regeln usw. aufstellen, auf dass die Geliebten stark werden. Kontrolle der Person ist böse, weil sie auf Misstrauen basiert. Interessiertes Einmischen ist Zuwendung, wenn nicht Liebe. Also Eltern/Mitmenschen liebt eure Kinder/einander einmischend.
    RR

  5. ja, wo ist denn die „goldene mitte“?

    in jedem land, jeder kultur und in jeder beziehung, erziehung wird es anders gesehn und gemacht.

  6. Vielleicht ist das ja die Kunst der Liebe!
    Kälte vs. Affenliebe
    Die Frage wird uns vermutlich noch lange umtreiben. Immerhin hat schon Aristoteles damit angefangen die Mitte der rechten Tuns zu suchen.

  7. brigitte artikel „schul debatte“

    „…das anderssein…entweder war meine herkunft ein makel oder wurde ignoriert..“

    meine tochter ist deutsch-kanadierin, zehn jahre alt und sie haben ihr bezw. mir aus der seele gesprochen…ich hoffe sie ist stark. danke e.

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