Head over feet

Wieviel Kopf verträgt ein Buch? Wieviel Leben braucht ein Autor?

Sicher, es gibt Mythen wie jene über Borges, der vom Leben nichts gewußt haben sollen, alles im Kopf, alles Lesen, alles Buch. Doch ich glaube, es wußte sehr viel über Angst, Angst vor dem Leben. Und in diesem Angstraum erschuf er die denkbar größte Phantasiefestung, um sein Leben vor dieser Angst zu schützen. Es war kein Selbstzweck, es war ein Mittel wider das, was ihn so fürchten ließ: das Leben.

Dann gibt es Menschen wie Sylvia Plath, bei denen man meint, sie haben nur geschrieben, um die Zeit zu überbrücken, bis der Tod sie abholt. Alles durchtränkt von dem Gefühl, dass es bald schon zu Ende sein wird. Manche fürchten sich vor ihren Gedanken. Es ist fast ein bisschen wie sich vor dem Tod zu fürchten, der diese Frauen geholt hat. Als könnte man ihm ausweichen, indem man ihren Büchern ausweicht. Natürlich wünsche ich jetzt nicht allen den Tod an den Hals, aber so ein bisschen was von einem Dachschaden wünsche ich den Leuten nun doch. Kämmerlings forderte in der FAZ von uns jungen Autoren, sich doch der Welt zuwenden, unter der Welt versteht er Manager, Anwälte und natürlich Kriegsschauplätze. Deutsche Journalisten sind berühmt für Schreibtischtaten und nicht waghalsige Vor-Ort Recherchen… Aber von der jungen deutschen Literatur darf permanent alles erwartet werden, vor allem, dass man als Autor die Freiheit aufgibt, selbst zu wählen, was einen beschäftigt. Wenn einen überhaupt etwas beschäftigt. Ich bin zum Schluß gekommen, dass die meisten Bücher nicht berühren, weil die die sie schreiben, sich nicht berühren lassen. Es fehlt nicht die Hinwendung zu den großen Themen, es fehlt die Hinwendung zu dem, was einem wirklich wichtig ist, damit es durch die Darstellung so groß wird, wie es einem ist. Ich merke nach diesem Wochenende, dass mein Glaube an Kopfgeburten und ihren Nutzen in der Welt kleiner ist denn je, sorry.

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10 thoughts on “Head over feet

  1. hm –
    ein problem über das ich (mit meinen bescheidenen mitteln) auch seit vielen jahren nachdenk.

    ich glaub einfach daß es in jedem der beiden bereiche, wenn wirs mal so trennen wollen, dem kopfgesteuerten, kopflastigen und dem gefühlsgläubigen, wunderbare ergebnisse geben kann.
    für das allergrößte, halt ich die mischung:
    das gefundene, sich aufdrängende thema, aufs genaueste untersuchen, harte kopfarbeit, und daraus etwas machen das gefühl und gemüt für lange beschäftigt –

    so etwa wär der idealzustand.

    erfreulichen tag
    SV

  2. „Es fehlt nicht die Hinwendung zu den großen Themen, es fehlt die Hinwendung zu dem, was einem wirklich wichtig ist“ Dieser Satz spricht mir als Leser sehr aus dem Herzen. Liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreibt, was Euch wirklich bewegt, dann wird es auch Leserinnen und Leser bewegen. Ich weiss auch nicht woher die Neigung der Literaturkritiker kommt, den Schriftstellern Ratschläge zu erteilen, was sie schreiben sollen.
    Ich las heute morgen in Aharon Appelfelds „Geschichte eines Lebens“ was mich auch ein guter Kommentar zum Thema dünkt:
    „Ein Schriftsteller… schöpft aus sich selbst und schreibt auch meistens über sich, und wenn das, was er schreibt, Bedeutung hat, dann ist das so, weil er sich selbst, seiner Stimme und seinem Rhythmus treu bleibt. Die Themen sind eine Begleiterscheinung des Schreibens, nicht die Hauptsache.“
    Herzliche Grüsse Erwin

  3. „Es fehlt nicht die Hinwendung zu den großen Themen, es fehlt die Hinwendung zu dem, was einem wirklich wichtig ist“ Dieser Satz spricht mir als Leser sehr aus dem Herzen. Liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreibt, was Euch wirklich bewegt, dann wird es auch Leserinnen und Leser bewegen. Ich weiss auch nicht woher die Neigung der Literaturkritiker kommt, den Schriftstellern Ratschläge zu erteilen, was sie schreiben sollen.
    Ich las heute morgen in Aharon Appelfelds „Geschichte eines Lebens“ was mich auch ein guter Kommentar zum Thema dünkt:
    „Ein Schriftsteller… schöpft aus sich selbst und schreibt auch meistens über sich, und wenn das, was er schreibt, Bedeutung hat, dann ist das so, weil er sich selbst, seiner Stimme und seinem Rhythmus treu bleibt. Die Themen sind eine Begleiterscheinung des Schreibens, nicht die Hauptsache.“
    Herzliche Grüsse Erwin

  4. Lieber Erwin, dein Zitat würde ich sofort unterschreiben… ich weiss, dass der Kopf beteiligt ist und wird und das ist auch gar nicht das Problem, sondern dass zu viel anderes stillsteht, weil nur noch der Kopf drandarf …

  5. Hallo Jagoda
    Jetzt bin ich etwas verwirrt nach Deiner Antwort. Habe ich Dich missverstanden?
    Du schreibst oben:
    „Es fehlt nicht die Hinwendung zu den großen Themen, es fehlt die Hinwendung zu dem, was einem wirklich wichtig ist“ und genau dieser Meinung bin ich auch.
    Ich hoffe, Ihr Schriftstellerinnen lasst Euch nicht beeinflussen von solchen „Forderungen“ wie sie der Journalist in der FAZ aufgestellt hat, sondern dass Ihr Euch selbst, eurer Stimme, Eurem Rhythmus treu bleibt. Nach meiner Meinung darf keinesfalls nur noch der Kopf dran.
    Liebe Grüsse
    Erwin

  6. Lieber Erwin, ich denke das auch und hoffe, dass man damit auch heute seinen Weg machen kann… Es ist auch gut, zu wissen, dass es Leser gibt, die sich nicht davor fürchten…

  7. Moin Jagoda!

    Ich habe grad mal nachgesehen – der Kämmerlings ist doch selbst noch fast als jung anzusehen. Und da er bei der FAZ arbeiten darf, ist ihm die Fähigkeit ordentlicher Schreibnis (oder so) nicht von vornherein abzusprechen…

    Idee: soll er sich doch einfach selbst der Welt der „Manager, Anwälte und natürlich Kriegsschauplätze“ zuwenden, statt andere für sich arbeiten zu lassen. Und Du machst bitte weiter wie gehabt.

    Ja, so in etwa…

    Grüße!

    B. (der mit der Karte 😉 )

    PS (der Vollständigkeit halber): „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ Und Gustav Mahler stimmte auch 🙂

  8. Lieber Boscho,
    so sollten wir es halten, nicht dass irgendwer nicht auf seine Kosten kommt… Ich kann eh nicht anders als so… Nur von welcher Karte sprichst du?

  9. es ist auch schmerzlich zu sehen, dass der mut zum gefühl meist erst anerkannt wird, wenn der autor/die autorin nicht mehr unter den lebenden weilt, dann scheint es zumutbar bis ungefährlich, dem schreiben das ‚große gefühl‘ zuzutrauen. manches mal ist es allerdings mehr ein zumuten: in einer perversen umkehrung wird so mancher text, der sich nicht mehr wehren kann, als kitsch attackiert bzw. als inbegriff von gefühl gefeiert (auch wenn die ursprüngliche intention eine andere war) – eine ausprägung der angst vor dem zugelassenen gefühl: zeitgenossen dürfen nicht (ungestraft) darüber schreiben, es wäre ja ein affront gegen die eigene feigheit, die eigene vorstellung von perfektion – lebenstüchtigkeit intellekt, verletzlichkeit als luxus.

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