Heidelberger Stückemarkt – Gastland Kroatien

Vom 2.-11. Mai findet in Heidelberg dieses Jahr der Stückemarkt statt. Ich war als Scout in Kroatien unterwegs, leider konnte es nur Zagreb sein, aber auch Zagreb allein hat viel zu bieten. Hier der Essay über das kroatische Programm, der auch im Programmheft erscheint.

Escape from Reality

Wenn man in Kroatien aus dem Flieger steigt, betritt man einen typischen Transformationsstaat. Doch was heißt schon „typisch“? Ganz typisch ist hier sicher kaum etwas. Und wird es so schnell auch nicht werden. Kroatien muss sich neu erfinden. Genauer: Sich innerhalb bestimmter Vorgaben neu erfinden. Das Bewusstsein, für eine Unabhängigkeit gekämpft zu haben, die sich als negative Utopie entpuppt, ist neben dem Kriegstrauma sicher die größte Wunde. Man wollte eine Gesellschaft nach eigenen Wertmaßstäben, das war der Traum, dem viele und vieles zum Opfer gefallen ist. Mit diesen gefallenen Träumen gehen die Menschen nachts in ihre Betten, gehen Regisseure an ihre Arbeit und Schauspieler an ihre Rollen heran. Es ist ein permanenter Abgleich der Wirklichkeit mit den Träumen, für die sie reale Opfer gebracht haben. Nun hagelt es statt Sterntalern Vorgaben darüber, wie eine Wirtschaft aufzubauen ist, wie diplomatische Beziehungen zu gestalten sind, wer sich Besitz aneignen darf und ob er daraufhin Verantwortung übernehmen muss für die Gesellschaft. Für postsozialistische Staaten ist letztere sicher eine der undenkbarsten „Ob-Fragen“.
Die postsozialistischen Jahre haben Arbeitslosigkeit mit sich gebracht. Der Mensch vor Ort spielt in Anbetracht wirtschaftlicher Kalkulationen nur eine Rolle als Variable in den Berechnungen nach mehr Profit. „Haben wir dafür gekämpft?“ ist die häufigste Frage, die dadurch, dass sie im alten System gar nicht erst hätte gestellt werden dürfen, nur an Komplexität gewinnt.
Kroatien, und somit das kroatische Theater, befindet sich an einem schwierigen Punkt seiner Geschichte. Es muss realistisch bleiben und trotzdem hoffnungsvoll, ein Spagat, der die Kreativität zum Äußersten zwingt. Seit die Gegenwart den Weg auf die Bühnen gefunden hat, lädt alles dazu ein, das kroatische Theater als spannenden Mikrokosmos derzeitiger Demokratisierungsprozesse zu beleuchten.
Die großen Nationaltheater in Zagreb, Rijeka, Split und Osijek haben sich allerdings dem klassischen Repertoire verschrieben. Ein Ausweg aus der Realität der Nachkriegszustände? Wohl kaum. Der Eskapismus vollzieht sich eher vor den Fernsehern, auf alten Sofas, wo das Konsumieren nichts kostet. So bilden sich sehr schnell zwei Strömungen: Die einen, die ein Theater wünschen, das mit ihrem Leben zu tun hat und die anderen, die von ihrem Leben nichts mehr wissen wollen, schon gar nicht auf der und durch die Bühne. Die Nationaltheater erfüllen die Bedürfnisse letzterer, doch ein großer Teil kleinerer und privat geführter Theater nimmt diesen Widerspruch als Zündstoff und
befreit das Land auf seine Art von dieser Dichotomie: Wenn ihr nicht hinsehen wollt, dann werden wir mal hinsehen, weshalb ihr nicht hinsehen wollt! Ein starker Ausgangspunkt für Theatermacher.
Dabei ist es unnötig, das Politische und Private einander gegenüberzustellen, nichts scheint politischer als das Private. Die jüngste Geschichte hat gezeigt, was das Politische für ein Individuum bedeuten kann. Geschichten, die das Individuum zeigen, müssen sich nicht rechtfertigen, sie sind die relevantesten Geschichten dieser Zeit, sie sind Menschen gewordene Politik. Große Theaterabende spielen in den Wohnzimmern kleiner Menschen, weil Fragen gestellt werden müssen darüber, weshalb das Individuum diesen Raum nicht mehr verlassen möchte. Jedes Scheitern und Gelingen des Einzelnen spiegelt die politischen Verhältnisse, das ist der Konsens und befreit das Theater von der hierzulande vorherrschenden Angst, sich in Privatheit zu verlieren. Das Gastspiel von S DRUGE STRANE (AUF DER ANDEREN SEITE) ist ein künstlerisch überzeugendes Kind dieses Gedankens und gilt als „Exportschlager“. Hier kämpfen die Söhne gegen zu viel Mutterliebe, die Mütter gegen zu viel Einsamkeit, die Nachbarn um Freundschaft und die Männer um einen Nachkriegskuss. Das tun sie in einer erschütternden Einfachheit, sodass der Eindruck entsteht, man sieht seinen Freunden bei der verbalen Zersetzung zu. Dabei staunt der Zuschauer nicht schlecht, dass in Anbetracht solcher Kämpfe der Humor noch mit am Tisch sitzen kann. Ein weiterer „Exportschlager“ ist FALLSCHIRMSPRINGER (PADOBRANCI), ein Kinderstück, das sich der Kunst des Fallens widmet, ganz ohne Worte auskommt und so zum internationalen Überflieger wurde. Dem Entschluss, es einzuladen, folgte ein heißer Kampf um die umworbenen Termine, und nur mit großem Einsatz konnten wir es für Heidelberg gewinnen. Nicht nur für Kinder kommt dieses Stück dem Erlebnis von Schwerelosigkeit gleich und ist somit allen Altersklassen wärmstens zu empfehlen.

Es sind vorwiegend die Off-Bühnen, die das Risiko eingehen, vom gegenwärtigen Leben der Menschen zu sprechen, von einem Leben, von dem die meisten nichts mehr wissen wollten. So, auf der Bühne, erhält es in der schonungslosen Darstellung jedoch eine Aufwertung. Die Realität hat den Weg auf die Bühnen gefunden. Das wäre vielleicht schwer erträglich, wäre da nicht der schwarze Humor, der das Leben und somit auch die Kunst dieses Landes rettet. Man muss keine Angst haben vor Extremen, solange einem das Lachen zur Seite steht. Es ist die denkbar größte Gabe dieses Landes und somit auch ihrer Kunst, dank der Brille des schwarzen Humors der Wirklichkeit ins Auge sehen zu können. Zahllose Produktionen meistern diesen Spagat, auch das zum Autorenwettbewerb eingeladene Stück ŽICE I ŽILETI (DRÄHTE & RASIERKLINGEN) zeigt dieses Talent zum absurden Lachen. Wir kennen das, wir kennen es nur länger und deswegen nicht mehr so gut. Der kroatische Blick auf unseren Alltag ist von einer Schärfe und Unbestechlichkeit, wie er hierzulande kaum mehr zu finden ist.
Viele Theater warten nicht auf die richtigen Stücke, obwohl es derer viele gibt. Sie schicken ihre Schauspieler in die Vorstädte und bitten sie, einen Blick auf die Realität dort zu werfen. Unsere drei Gastspiele stehen allesamt in dieser Tradition, sodass sich dank der gewählten Mischung aus Gastspielen und Lesungen des Wettbewerbs ein durchaus repräsentatives Bild zusammensetzt.
Was experimentelle und realitätsnahe Arbeit betrifft, spielt das Teatar Exit in Zagreb eine herausragende Rolle, die dem kleinen Haus Kultstatus verschafft hat. Die Aufführungen sind ausverkauft, die Zuschauer jubeln, klatschen, kommentieren, die Stimmung gleicht eher einem Popkonzert denn einer Theateraufführung. Dieses privat geführte Theater stellte sich dem Bedürfnis, das eigene Leben nicht auf der Bühne sehen zu wollen, mit solcher Wucht entgegen, dass plötzlich die ganze Stadt in die Säle strömte, um dem eigenen Leben zuzusehen. Ich muss hinzufügen, dass Kroatien ein Land voller Originale ist und die Menschen sich oft schillernder und gewitzter finden als die Figuren, die man ihnen auf der Bühne vorsetzt. So war die Abkehr von Stücktexten kein Mangel, sondern die Bewusstwerdung einer Ressource: nämlich die glänzenden Qualitäten der Schauspieler zu nutzen, sie nicht in Rollen zu pressen, sondern sie sich entfalten zu lassen. Das ist nicht zuletzt einer der Gründe, weshalb abends sehr viele junge Leute den Weg ins Theater finden. Da jegliche Versuche, die Wortkaskaden und regionalen Bezüge in den kroatischen Stücken sinnvoll zu übertiteln, Scheitern müssen, wird diese Verspieltheit im Umgang mit der eigenen Kultur dem deutschen Publikum leider schwer zugänglich sein. Darum haben wir uns schweren Herzens entschieden, das Teater Exit nicht einzuladen.

Aber auch das zum STÜCKEMARKT eingeladene und mit den meisten Preisen ausgezeichnete kroatische Stück 2007, VRATA DO (TÜR AN TÜR) von Rene Medvešek, zeugt von der Tendenz zum Autorentheater und zur Stückentwicklung. Erst mittels entschiedener Hinwendung zur Work-in-progress-Methode fand Medvešek Zugang zu einer kritischen und lebendigen Darstellung der gegenwärtigen Situation in Kroatien. Er untersuchte die Rolle der Medien und die damit zusammenhängenden Veränderungen im Nachbarschaft genannten sozialen Mikrokosmos. So ist es nicht zuletzt dem Erfolg dieser Stücke zu verdanken, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Spielpläne mit kroatischen Autoren gefüllt werden. Die Texte entstehen hierbei vielfach erst mit dem Ensemble, sie sind nicht zwingend und formgebend. Das bringt auch, wie bei den hier eingeladenen Gastspielen, eine kreative Auseinandersetzung mit jenen, die auf der Bühne stehen, mit sich. Das Leben aller wird zum Material. Sprache spielt dabei, selbst wenn nicht klassische Texte zugrunde liegen, eine außerordentliche Rolle.

Die Texte sind einerseits in den Hintergrund getreten, und dennoch sind es gerade die kroatischen Autoren, die das Herzstück des Theaters ausmachen. Ein Widerspruch? Nicht für Kroatien. Rene Medvešek gilt als Prinz des kroatischen Theaters. Ivana Sajko ist die erfolgreiche Vertreterin eines avantgardistisch-experimentellen Schreibens und feiert vor allem große Erfolge im Ausland. Das Zimmertheater Tübingen wird mit der deutschen Erstaufführung von EUROPA zu Gast im zwinger3
sein. Ivana Sajkos Konzept unterscheidet sich insofern von anderen kroatischen Autoren, als sie radikal mit nicht klassisch-dramatischen Formen arbeitet; ihre Frauen jedoch sind Frauen und zugleich Archetypen. EUROPA ist ein vielversprechender Theaterabend, der die Ivana Sajkos zugrunde liegende Poetik gekonnt in Szene zu setzen weiß. Von Ivana Sajko wird auch BOMBENFRAU (ŽENA BOMBA) mit Studenten der Theaterakademie Mannheim im friedrich5 zu sehen sein. Tena Stivičić, ein junger Nachwuchsstern unter kroatischen Autorinnen, wird vor allem in London gespielt und gefeiert. In Heidelberg wird sie mit ihrem ersten großen Erfolg FRAGILE! beim Autorenwettbewerb Gast sein. Ivan Vidić und Mate Matišić beseelen mit Stücken wie ŽENA BEZ TJELA (DIE FRAU OHNE KÖRPER) die Bühnen vieler Staaten, deren Wirtschaftsordnung sich von einer zentral gelenkten Planwirtschaft zu einem marktwirtschaftlichen System entwickelt. Die Autoren stellen mittels ihrer Figuren wichtige Fragen. Dabei sind die formalen Mittel teilweise klassischer als bei anderen jungen Autoren, als müsste man sich fester an die Form halten, wenn Geschichten über Bürgerkrieg und Genozid den Rahmen sprengen. Der kroatische Teil des Autorenwettbewerbs wird beim STÜCKEMARKT verschiedene Facetten der jungen Dramatik zeigen. Tena Stivičić ist als Vertreterin der urbanen jungen Frau dabei, die die Geschichte ihres Heimatlandes gekonnt mit dem Schauplatz ihrer Wahlheimat London verbindet und dabei herzzerreißende Figurenkonstellationen findet.
Aus Mate Matišić, der fast schon ein Urgestein ist, spricht die geschundene kroatische Seele in Bildern. Und Elvis Bošnjak ist ein nicht wirklich greifbares enfant terrible, das dennoch gerne Preise abräumt. Die Themen der Autoren sind so verschieden, dass der Abend des Autorenwettbewerbs dem Zuschauer sicher so viel Abwechslung und Freude stiften wird wie mir die Auswahl.

Ein Grund, weshalb einige hervorragende Autoren eher im Ausland als in Kroatien Erfolge feiern, ist der Mangel an herausragenden Regisseuren und Dramaturgen. Die Umsetzung der Stücke bleibt oft hinter dem Potential des Geschriebenen zurück, was zum Teil die Erfolge der als „work in progress“ entwickelten Stücke erklärt. Zudem wird die Tradition von Prosa-Adaptionen weiter gepflegt, populäre Werke, die als Publikumsmagneten gelten, werden von den Bühnen oft den jungen, weniger bekannten Autoren vorgezogen. Die schonungslose Haltung vieler junger Autoren, die oftmals auch daher rührt, dass sie im Exil schreiben und das Land aus kritisch-intellektuellem Abstand betrachten, stößt nicht immer auf Begeisterung. Zudem erschweren gesetzliche Richtlinien, die die städtischen Behörden als Beratungsinstanz bei staatlich geförderten Theatern vorgeben, die von der Politik unabhängige Programmgestaltung. Aus diesem Grund ist gerade die Off-Szene, die privat und unabhängig arbeitet, ein Hort der Wahrheit. Theater wie das Teater Exit und das Teatar & TD in Zagreb experimentieren auf verschiedene Weise, doch beide frei von Zugriffsmöglichkeiten der Politik. Während das Teater Exit von der Gunst des Publikums abhängig ist, kann das Teater & TD als avantgardistischer Experimentierraum angesehen werden.
In studentischen Räumen laborieren Theatermacher wie BADCo auf hohem Niveau über Themen wie Verdrängung, Schmerz, Erinnerung, Utopie, Kapitalismus, Musik und Tanz. Teilweise spielen sie ihre Aufführungen auf Englisch, was den Wunsch spiegelt, die eigenen Grenzen zu sprengen. Wir haben uns beim STÜCKEMARKT mit S DRUGE STRANE (AUF DER ANDEREN SEITE) sowie VRATA DO (TÜR AN TÜR) für kroatischsprachige Inszenierungen (mit deutscher Übertitelung) entschieden, von kroatischen Autoren, im festen Glauben an ein Publikum, das auch jenseits von Sprachbarrieren die Sinne zu schärfen weiß. Und nicht zu vergessen, neben BOMBENFRAU (ŽENA BOMBA) und EUROPA, die beide auf Deutsch gespielt werden, zeigen wir das wunderbare FALLSCHIRMSPRINGER (PADOBRANCI), das ganz ohne Worte zu begeistern versteht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s