Migrantenkinder vor! – Beitrag zur Schuldebatte

Der folgende Beitrag ist in der aktuellen Brigitte erschienen. Im Vorspann die Frage,

ob ich selbst nicht der lebende Beweise für die guten Chancen ausländischer Kinder an

deutschen Schulen bin? Hm, was sagt man dazu? :

Sobald ich mich kritisch über das deutsche Schulsystem äußere, habe ich das Gefühl, ein undankbarer Parasit zu sein. Als hätte ich als Tochter kroatischer Einwanderer, aufgewachsen in einem Stuttgarter Vorort, nicht das Recht dazu. Da fängt es schon an.

Ich will über die Möglichkeiten schreiben, die es mir bot, mich zu entwickeln. Und ich möchte nicht verschweigen, welche Hindernisse es in den Weg stellt, welche Möglichkeiten es so, wie es jetzt ist, erstickt. Vor allem für Kinder von Migranten: Diese Kinder bringen Qualitäten mit, die übersehen werden.

Meine Familie träumte einst von einem besseren Leben für mich: als Sekretärin in einer der großen Stuttgarter Firmen. Zum Glück traf ich in der Grundschule auf zwei unermüdliche Lehrer. Ihre Ermutigungen ließen mich spüren, wie wichtig Bildung ist. Mein Kinderherz fasste den Plan, ins Gymnasium zu wollen. Ich war gut in der Schule – und dank der Lehrer wurde ich auch mutig. Meine Eltern waren das nicht. Sie hatten Angst, mich zu überfordern, sich zu überfordern. Gewohnt, für sie Dokumente auszufüllen, trug ich gegen ihren Willen Gymnasium in den Formularkasten ein. Ich staune noch heute über meine Kühnheit.

Anfangs behielten meine Eltern Recht. Aus der kühnen Viertklässlerin wurde eine eingeschüchterte Gymnasiastin. Es gab kaum mehr Ausländer um mich herum, die meisten waren auf der Haupt – und Realschule. Ich hielt mich an eine eben eingewanderte Polin, weil sie mir am nächsten war. Fast bin ich sitzen geblieben in der Fünften, wusste nicht, was eigentlich so schwer fiel. Das Anderssein. Und wie damit umgegangen wurde. Entweder war meine Herkunft ein Makel oder wurde ignoriert. Ich war zu jung, um allein damit zurecht zu kommen, dass ich mich innerlich von Zuhause entfernte, ohne zu wissen, wohin, in was für eine Welt mich das führte. Gastarbeiterkinder springen von einer Welt in die andere. Das ist weder ein Makel, noch ist es normal: Immer wird es Kindern Kraft abverlangen und sollte gewürdigt werden, ganz gleich, ob es sich in überangepasstem oder auffälligem Benehmen äußert. Es sagt nichts über ihr Talent aus.

Mein Bruder war in der Hauptschule gelandet. Schnell erhielt er eine Empfehlung für die Sonderschule. Er verdankt es dem gesunden Menschenverstand und den mangelnden Deutschkenntnissen meiner Mutter, dass ihr einziges Wort, ein klares Nein, nicht umgangen wurde. Auch das war Glück. Aus dem Lehrerschreck von damals ist über viele Umwege ein großartiger Realschullehrer geworden. Das hat gekostet, ihn, den Staat, alle um ihn herum. Vor seiner Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule kam ich jede Woche aus meinem Studienort angefahren, um Diktate und Aufsätze mit ihm zu üben. Sonst wäre das Studium, wie vieles andere, daran gescheitert, dass er einen Satz wie „hübsches Mädchen mit Rehaugen“ nun mal als „hübsches Mädchen mit Drehaugen“ hörte. Deutsch wurde eines seiner besten Fächer.

Einmal, in der Vierten, hatte einer definiert: Dieser Junge muss auf die Hauptschule. Wie klug er war, interessierte nicht, nur, wie unfähig er war, seine Klugheit in Deutsch auszudrücken. Was hätte Förderunterricht gekostet? Sicher ein Bruchteil dessen, was später all die Umschulungen wert waren. Statt das Beste in ihm zu sehen, sah man diese eine Schwäche, sie wurde maßgebend für das erste Drittel seines Lebens. Bis er den Mut fand, aus dieser biographischen Zuschreibung auszubrechen. Was geschieht mit jenen Kindern, die diesen Mut nicht finden, keine helfende Schwester haben?

Hauptschulen verwandeln sich zunehmend in Sammelbecken der Hoffnungslosigkeit. Es muss nicht wundern, wenn daraus Wut und aus Wut Gewalt hervorgeht. Man darf sich nicht auf das Glück verlassen. Multikulturelle Gesellschaften funktionieren dort am besten, wo man Einwanderer teilhaben lässt am intellektuellen und kreativen Leben. Sie können nicht für immer die Handwerker und Putzfrauen dieses Landes bleiben.

Jagoda Marinić, geboren 1977, lebt als Autorin in Heidelberg und New York. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die Namenlose“, Verlag Nagel&Kimche, 16,95 Euro

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