Anselm Kiefer als Literat

„Literatur ist für mich der Bezug zum Leben überhaupt. In der Dichtung ist das Leben konzentriert, ist die Welt konzentriert. Ich wäre gerne Dichter geworden. Jetzt bin ich Maler geworden.“ (Anselm Kiefer)

Und so mancher Literat wäre gerne Maler geworden, weil das Erleben von Bildern ein gänzliches anderes ist als das Erleben von Worten. Worte in Bildkunstwerken sind wie Sterne, die man entdeckt, sichtet, in Relation setzt zu dem Raum, in dem man sie sichtet. Als ich das erste Mal im Hamburger Bahnhof Lilith am toten Meer sah, blieb mir die Luft weg, nicht ob des schweren großen Materials, in dem sich das Meer spiegeln sollte, sondern ob der Handschrift am oberen Bildrand, die alles entrückte: Lilith am toten Meer. Lilith, die Unsterbliche, die erste Frau, von der kaum einer weiss und wissen will, weil die Geschichte der christlichen Welt bei Eva, der Reinen beginnt, Eva, die Frau deren Reinheit wir alle wiedererlangen sollten; stattdessen Liltith als Urfrau auf diesem Bild, die unsterbliche Urfrau, verunreinigt durch den verstoßenen Samael, nie dem Baum der Erkenntnis zum Opfer gefallen, liess Adam in seiner Einsamkeit, gönnte ihm seine Eva, verkehrte mit Mischwesen und brachte täglich tausend Kinder auf die Welt. Lilith ist die kühnste Frauenfigur, in anderen Legenden mordet sie Kinder, in wieder anderen erhält sie Flügel und fliegt dem Teufel davon.

Auf diesem Bild kleine Kleider. Sind es die Kleider ihrer Kinder, sind es die Kleider ihrer selbst, die sie an- und ausgezogen hat, daumengroß, puppengroß, mädchenklein. Diese kleine Kleider, das bleigewordene Meer, wären ohne diese Worte nie so verstörend gewesen. Vielleicht ist das der Dichter in ihm, der die richtigen Worte in den unerwarteten Kontext stellt, so wie uns in den schönsten Büchern oft nicht die Geschichten an sich rühren, sondern die Worte, die wir an dieser Stelle so nicht vermutet hätten.

In meinem letzten Roman „Die Namenlose“ flieht eine traumatisierte Figur dem Leben, der Kunst, dem Gefühl. Sie weiß warum, die Welt in Trümmern ist ihr, im Gegensatz zu Anselm Kiefer, negativ in Erinnerung geblieben, ist nicht der Beginn sondern das Ende von Leben. Für Kiefer beginnt die Welt in Trümmern. Die Namenlose geht in den Hamburger Bahnhof und sieht Kiefers Bibliothek ohne dabei von Kiefer zu wissen, sieht die Größe und etwas in ihr wird so sehr gestört, dass ihre ersten Tränen ihr Gesicht finden. Ich bin verstört und irritiert und dankbar, dass man dieser Kunst nun noch mehr Aufmerksamkeit widmen wird, dass Trümmer der Anfang sind von etwas, das ist ein Blick auf die Welt, der diskutiert werden muss.

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One thought on “Anselm Kiefer als Literat

  1. eine stadt aus trümmern, auf trümmern als neubeginn, wie er selbst gesagt hat, auch als neubeginn für die trümmer in den köpfen derer, die hierfür nur mehr wenig sinn haben. gerade deshalb auch ist kiefers kunst so wichtig, um das vergängliche zu zeigen, das im vergehen dem kommenden raum schafft und daher leben schafft – es klingt wie ein paradox, das gerade die kunst das bewegtsein der welt aufzeigt, wo doch schon die künstler der antike skulpturen erschufen, um zeit überdauern zu können. wie fühlt es sich an, bücher geschrieben und veröffentlicht zu haben, die bleiben werden?

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