Hier Bierbichlerts

Letzte Nacht nach dem Fußball, nach den großen Siegergesten der Ballacks, Schweinsteigers und Kloses dieser Fernsehbilderwelt, gefolgt von Pocher-Podolskis und Beckenbauer-Imitatoren, glaubte ich schon gar nicht mehr an ordentliche Berichterstattung, zappte umher und stieß plötzlich auf Schwazweissbilder ohne Hintergrundmusik… Vielleicht blieb ich nur der Stille wegen hängen, bis Werner Herzog im Bild auftauchte, kaum verstehen konnte ich ihn nach all dem Berichtlärm, der Fußballanspannung und was nicht noch allem.

Ich kapiere langsam und mühselig, dass der Film sich um Josef Bierbichler dreht, der seinem Ruf vorauseilt, ich habe ihn nie spielen gesehen, doch viel gehört über ihn. Und was ich gehört habe, stimmt und stimmt nicht ganz mit dem überein was ich gestern Nacht gesehen habe. Mir ist vor allem eine Zartheit geblieben, ich habe immer nur von seiner Größe, Wucht und Naturgewaltheit gehört, die auch da war gestern Nacht. Doch da saß und sprach einer, der jedes Wort sachte abwog und dann wälzte, der jeden Gedanken einmal in die imaginäre Hand nahm, ihn drehte und wendete, bis er noch mehr so aus seinem Mund gesprochen kam, dass der Satz verbierbichlert war. Er las aus seinem Brief an die Kammerspiele vor, 2005, er wollte nicht mehr, wollte nicht mehr, was er sein Leben lang wollte, fremde Rollen anziehen, Gefühle borgen und später den Applaus kassieren. Der Tod eines nahen Menschen, seiner Schwester, hat alles in ein anderes Licht gerückt, auch die Zeit, die er auf Theater, Probebühnen und in fremden Rollen verbracht hat, er möchte sich nicht länger verstellen. Einmalig der Satz „Ich möchte mich an mich im Sarg erinnern und das kann ich nur, während ich noch lebe“ Dass auch der Tod eine Erfahrung ist, der wir uns nur zu Lebzeiten sicher sein können, scheint ein Paradox in sich. Die Angst, um die sich dieser Satz dreht, die Angst, dass bei so viel Befasstheit mich X der Tod einen überraschen könnte, einem als Erfahrung abhanden kommen könnte, hat mich noch nie so klar erreicht.

Ich weiß nicht, wann sich das Bild des enthobenen Künstlers in diese Welt geschlichen hat. Schauspieler, die mit ihren Rollen nur kämpfen, Autoren die mit der Sprache kämpfen, weil es sonst keine hohe Kunst ist. Bierbichlers Kündigung folgte das Projekt „Holzschlachten“. Er möchte das tun, was er wirklich kann auf der Bühne und den Text nebenher aufsagen, keine Proben, der Zuschauer soll sehen, was künstlerische Arbeit ist, der Künstler soll sehen, was schweißtreibend bedeutet. In „Holzschlachten“ gibt es zwei Ichs, die das deutsche Gewissen verkörpern: das eine will nichts gewusst haben und das anderen geht zugrunde an seiner Mitschuld. Zu Ende legen sich beide Ichs in Gestalt Bierbichlers auf das geschlachtete Holz, sein Körper liegt bloß über dem Holzhaufen. Dass Kritiker darin das Martyrium Jesu hineindeuten und dem zarten Künstler eine Kränkung zufügen müssen, sei dahingestellt, es scheint, als müsste es eine wirkliche „Deutungsgewalt“ in dieser Welt geben, die einem Menschen, der solche Erfahrbarkeit transportieren möchte, Transzendenz unterstellen muss. Er wird trotzdem weitermachen. Vielleicht ist es die rührendste Szene, da er sich gekränkt sieht von den Bezügen zu Tieren, die Pranken, die seine Hände sein sollen, da scheint einer die Welt zu berühren und sieht keine Pranken, wenn er Bäume fällt, er sieht vielleicht nur das Fällen der Bäume, dem er sich in seiner Ganzheit widmet, doch dass er als Künstler die Erde berührt ist schon hinreichend für sämtliche Metaphern vom Urmenschen und Menschentier.

Ich sehe diesen Film und frage mich, was weiß Deutschland von seinen Künstlern, von den Schätzen, die es birgt, von den Liedern, die über ihre Geschichte erzählen. Ich weiß nichts, ich bin eine besondere Deutsche, wie viele inzwischen, eine Deutsche, die trotz einer Kindheit in Deutschland ein anderes Kulturgut in sich trägt, eine andere Kindheit, andere Namen, Feen, Dämonen, wie viele andere Kinder hier. Was Deutschen wie mir alles verwehrt und verborgen bleibt, nur, weil es sich dieses Land selbst verwehrt, weil von seiner Schönheit kaum einer erzählt. Verschütt gegangen, nur noch auf Bühnen, alten Platten und in Dokumentarfilmen gewährt die deutsche Seele diese offenen Einblick. Selbst die Großeltern schweigen, ich wüsste so gern, welche Lieder man deutschen Kindern in ihren Kinderbetten sang, was die Großmütter gesungen haben, während sie stickten, was der Vater am Totenbett sagt, wenn er was sagt, was das ist, was so ein deutsches Leben prägt. Doch es bleibt seltsam entfremdet, irgendwo in diesem Neunzigminutenfilm wurde mir mehr mitgeteilt als sonst, den genauen Moment kann ich nicht greifen.

Draußen feiern sie noch die deutsche Nationalelf, es ist ein großer Spaß, der Fußball kanalisiert und kathartisiert, alles recht, doch wo geht diese Energie sonst hin, wo der Traum von einem Ich, das die Sätze solange im Kopf wälzt, bis sie von Erfahrungen zu sprechen vermögen, wo Menschen, die sich allein durch ihre Komplexität mit so vielen Ebenen in uns verbünden, dass Stille mehr ist als Lärm. Ist das überhaupt wünschenswert, Ruhe scheint es ja schon nach dem Tod zu geben, heißt es, ist genug. Doch ohne Ruhe setzt auch die Ruhe vor dem Sturm nicht mehr ein, Menschen, die ihre Gewalten sammeln zu einer Kraft, die vielleicht nur darin mündet, dass sie das Leben in andere Sätze packen können als andere, Sätze anderes sagen können als andere.

Dank an Regina Schilling, die Regisseurin, für ein derart dreist-stilles Unterfangen.

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2 thoughts on “Hier Bierbichlerts

  1. Ich kenne den Film nicht, aber dies ist ein sehr, sehr schöner und wahrer Text. Die Selbstverwehrung. Ja. Die Deutungsgewalt und die enthobenen Künstler. So deutsch…

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