McMafia in the Balkans

misha-glenny-in-zagreb1Auf der Internationalen Buchmesse in Zagreb war einer der Hauptevents Misha Glennys Buchpräsentation von McMafia. Hierzulande hagelt es nicht gerade interessierte Buchbesprechungen bisher, aber in Deutschland gibt es ja auch kein organisiertes Verbrechen.

Schriftsteller und Buchmacher, Creme de la Creme der kroatischen Literaturszene, fanden sich vor dem Podium ein, das auf den deutschen Messen mit dem Blauen Sofa vergleichbar wäre. Edo Popovic, ein ehemals wichtiger Kriegsberichterstatter und nun eine authentische Autorenstimme seiner Generation, hört sich seinen britischen Kollegen stillschweigend an, und man würde gerne fragen, was er eigentlich dazu zu sagen hat. Vielleicht wäre es zu abgeklärt, zu wahr und zu betroffen, um so viel Sympathie auf sich zu ziehen wie Misha Glenny, der mit einer Freude und Energie spricht, als würde er das neueste Anti-Depressivum auf dem Markt anpreisen. Wie er so dasitzt und den Kroaten lustvoll davon erzählt, warum in ihrem Land, genau wie in anderen „countries in transition“ , der erhoffte Aufschwung nicht eingetreten ist, stellt er auf dieser Messe das dar, was man gemeinhin einen Fremdkörper nennt. Es ist fast, als stünde ein Grundschullehrer vor Abiturienten, die zu viel Mitleid mit dem Lehrer haben, um ihn zu wissen lassen, dass er sich in der Klasse geirrt hat.

Die Blicke aller ehemaliger Ostblockländer sind eindeutig nach Europa gerichtete, hin zu den neuen Vorgaben und Gesetzen strebt man, hin zu denen, die für Transistionsstaaten das sind, was für Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg die USA war. Misha Glenny macht seine Arbeit sehr solide, recherchiert jahrelang, nicht am Schreibtisch, vor Ort. Er spricht mit jenen Menschen, die man eigentlich nicht kennen möchte. So erzählt er vom Interview mit einem Serienkiller, der ihm, auch wenn Glenny es ungern zugibt, sympathisch war. Gebildet, eloquent, gutaussehend. Das scheint zu reichen für Sympathie. Auf die Frage, was der Mörder fühlt, wenn er einen Menschen umbringt, erhält Glenny eine Sportanalogie als Antwort: Es sei wie ein strike, ein Volltreffer, oder, so erklärt Glenny weiter, wie Briten sich fühlen, wenn ihr Fußballteam in Zagreb die Kroaten bei der Qualifikation mit 4:0 schlägt. Die Übergänge von Kriegsmetaphern zu Fußballmetaphern sind, wie immer in der Männerwelt, fließend. Die Übergänge von Humor zu Taktlosigkeit nicht minder.

Misha Glenny hat den Kroaten nichts Neues erzählt. Natürlich wissen sie von dem Menschenhandel, genannt trafficking, der Korrupition, der Kaufbarkeit von Ämtern und Wirtschaftsgütern, von Vetterwirtschaft und und und. Ihr Leben bewegt sich nicht nach vorn, das wissen sie auch ohne Gesellschaftsforscher. Das Volk ist ja nicht dumm, nur mundtot, auch wenn es Gebildete gerne anders sehen. Das Volk ist mundtot, resigniert und noch nicht in der Lage, etwas wie ein Selbstverständnis herzustellen, das über das eigene Wohlergehen hinausgeht. Es fehlen ihnen jene Gebildeten, die auch für sie ein Bild entwerfen. Denn Gebildete bebildern heutzutage nur noch ihre Selbstdarstellung und Intelligenz; zu viel Angst vor großen Konzepten, haben sie im letzten Jahrhundert doch genug Unheil angerichtet. Damit sind die Bewohner der Transitionsstaaten mindestens so identitäslos wie die anderer demokratischer Länder. Hohles Nationbuilding ersetzt noch keine Identität. Identität hat sich heruntergekürzt auf die Fragen: Wie gut habe ich es? Und wenn ich gut überleben kann, muss ich dann noch gesellschaftsrelevant agieren?

Während der Tage auf der Messe höre ich viele Geschichten von Aufständen und Demonstrationen, von Programmleitern, die früher Proteste anführten und Boykotte anzettelten, auf Straßen gingen und auf Ampeln kletterten, um sich nicht von der Polizei aufhalten lassen zu müssen. Heute sehen auch sie vor allem danach, wie gut sie es in ihren Verlagssesseln und -programmen haben, und wie gemütlich. Sie haben für ein Menschenleben vielleicht auch genug gekämpft, sie sind im letzen Drittel angekommen, und es wäre an der Jugend, auf die Straße zu gehen und zu fordern. Doch auch die Jugend in Zagreb hat sich demokratisch dem Saufen und Partymachen verpflichtet, ist ja auch besser, als den Pionier zu spielen für Staatsherren und dabei in Reih und Glied Liedchen zu singen. Man könnte sich ja die Stimmbänder verätzen.

Jedenfalls wissen diese Menschen weit mehr als Mister Glenny ihnen zu erzählen hat. Doch sie lauschen höflich, sind ihm dankbar für seine Meinung, die er öffentlich äußert, ohne dass ihm jemand etwas anhaben kann. So wie sie auch Naomi Klein lieben und sich in ihrer Schock Strategie wiederfinden. Weitere Erklärungen dafür, weshalb ihre Städte in sich einfallen, weshalb die Kriegsdörfer noch immer nur von verlassenen Geisterhäusern besiedelt sind, weshalb die Politiker nicht beliebter oder liebenswerter sind als früher, weshalb die Amis in Obama jetzt schon wieder das haben, was man ihnen verprochen hat: Menschen, zu denen man aufsehen kann. Da war Bush angenehmer, er war nicht besser als das, was man in Kroatien kannte. Man wird Obama nicht mögen, weil er das repräsentiert, was nicht erreichbar scheint. Die Frage, weshalb ihnen ihr Land, für das sie gekämpft haben, fremder geworden ist als das Land, das sie abschaffen wollten, beantworten britische, kanadische, amerikanische Journalisten.

Es gibt Hoffnung, es gibt immer Hoffnung. Doch sie wird auch immer enttäuscht. Kurz vor der Buchmesse wurde Ivo Pukanic, Inhaber eines der größten Politmagazine Kroatiens, Nacional, in seinem Wagen in die Luft gejagt. Der Marketingchef Niko Franjic starb mit ihm. Stipe Mesic bezeichnete das Attentat als „den Einzug des Terrorismus auf kroatischen Boden“. Ivo Pukanic wurde 1999 zum Journalist des Jahres gewählt und führte 2003 ein historisches Interview Den Haags Staatsfeind Nummer eins, dem verschollenen Kriegsverbrecher Ante Gotovina. Man sagte ihm nach, zu viele Kontakte zu haben. Was auch immer das bedeutet. Und während Misha Glenny mit britschem Humor und Charme auf der Bühne witzelt, sitzen fünf Kroaten neben ihm wie erschlagene Lebewesen, als hätte sie jemand auf die Bühne geprügelt. Einer von ihnen wagt irgendwann die Äußerung, dass es nicht leicht ist, etwas zu sagen, wenn man am nächsten Morgen nicht weiß, ob dein Auto losgeht oder hochgeht. Edo Popovic zweifelt daran, dass so ein Journalistenauto einfach hochgeht. Misha Glenny nickt und lächelt, er sitzt auf der Bühne und hat schon Schlimmeres gehört. Alle haben Schlimmeres gehört.

Link: Misha Glenny über McMafia auf YouTube

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