ERDOGAN IN DAVOS – Über Erregtheit in der Politik oder Warum die Deutschen nicht mehr auf die Straße gehen

Der Rahmen für die allgemeine Erregtheit ist derzeit die Debatte um die Finanzmärkte. Barack Obama will trotz genauem Hinsehen seine Gegner und Armageddonbeschwörer noch nicht zufrieden stellen. Nein, er wagt es, etwas zu sagen, wofür man ihm wieder ungemeine Intelligenz unterstellen wird, was jedoch jeder normale, ungebildete Mensch an seinem Wohnzimmer tagtäglich äußern wird: Es sei „beschämend“, dass die Banken 2008 noch Milliarden an Bonusprämien ausgeschüttet hätten und zeitgleich Staat und Steurzahler um Geld angebettelt hätten. Obama hat sich während dieser Äußerungen zu offensichtlicher Erregtheit hinreißen lassen, mit welchen Folgen?

Es ist ein Krux dieser Zeit, die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert, dass Äußerungen wie diese an die Bürger gelangen, registriert werden und dann: Puff… Die Deutung der Welt wird dermaßen intellektualisert, dass der normale Menschenverstand den Dienst quittiert. Wenn dann, nach langem hin und herdebattieren, die eigentlichen Wahrheiten das Licht der Welt erblicken, klingen sie, wer hätte es gedacht, nach gesundem Menschenverstand. Dann wird der Intellektuelle oder Politiker auf ein Podest gehoben dafür, dass er sich nicht länger in der Blase der Ideenwelt bewegt und sagt, was alle ohnehin wissen. Kaisers neue Kleider hängen noch immer auf den Stangen der Haute Couture.

Der Ökonom Noruiel Roubini sagte auf dem letzten Weltwirtschaftstreffen in Davos die Finanzkrise voraus. Zu seinen Ergebnissen kam er, weil er sich die Weltwirtschaftskrisen des vergangenen Jahrhunderts in Argentinien und anderen Teilen der Welt genau ansah. Seine Kritiker werfen ihm vor, die Methodik stimme nicht, sei zu untheoretisch, unnachvollziehbar ect pp… Doch wer Recht hat, den belohnt ihn diesem Fall das Leben: In Zeiten der Rezession expandiert Roubinis Unternehmen. Die aufgeklärte Welt habe sich so sehr in ihren Theorien verloren, dass sie Indizien der realen Welt nicht mehr zu lesen wußte. So einfach erklärt Roubini seinen Erfolg: Hinsehen. Als er in Davos referierte, löste das allgemeine Erregtheit aus, niemand nahm ihn ernst, Dr. Doom sein Spitzname, Berufspessimist.

Jetzt ist in Davos ein anderer Herr aus der Haut gefahren. Der türkische Ministerpräsident Erdogan verlässt Davos, als man ihm nach einer Rede von Israels Präsident Peres das Wort abschneidet. Erdogan provoziert, kritisiert, nimmt Stellung. Im eigenen Land empfangen ihn Menschenmassen am Flughafen. Erdogan beschwichtigt sofort, er habe sich nur über den Moderator aufgeregt und die Redezeit, die ihm nicht vergönnt war. Peres habe sich längst entschuldigt. Viele Türken stehen hinter seinen Aussagen in Davos. Manche kritisieren ihn dafür, dass nun ganz Europa weiß, dass die Türkei einen Ministerpräsidenten ihr eigen nennt, der sich nicht beherrschen kann, schließlich habe er ein gutes Anliegen, die Kritik an den Angriffen auf die Zivilbevölkerung, schlecht vertreten.

Die Frage nach der Beherrschung ist eine langwierige und komplizierte. Beherrscht- und Erregstein in der Öffentlichkeit ist ein heikles Thema, vor allem, wenn es um Krieg geht. Erwartet wird, das alle Beteiligten ganz beherrscht darüber reden, wie Kinder hingerichtet werden. Man sollte sollte solche Diskussion führen wie eine wöchentliche Gesamtlehrerkonferenz, auf der im Minutentakt lauwarmes Wasser mit dem Duktus höchster Brisanz hin und her gereicht wird.

Was von Deutschland aus ins Auge sticht ist die Ankunft Erdogans in der Türkei: Menschenmassen jubeln ihm am Flughafen zu. Ein fast instinktives Misstrauen beim Anblick solcher Menschenmassen jenseits der Fussball-WM… Entfesselter Nationalismus oder nur Interesse? In jedem Fall fühlen sich die Menschen betroffen von dem, was ihr Ministerpräsident in Davos zum Krieg am Gazastreifen zu sagen hatte, besser, zu sagen gehabt hätte, wenn man ihm den Raum gelassen hätte. Irritierend, von hier aus gesehen, die Tatsache, das etwas in der Öffentlichkeit geschieht, die Bürger ihre Meinung dazu öffentlich äußern wollen.

Hierzulande herrscht die Angst vor der Straße, die Angst vor Erregheit im Allgemeinen, das historische Mißtrauen gegen Massenansammlungen, emotionale Agitationen in öffentlichen Räumen. Die Lösung liegt derzeit im Versuch, sich in Privatheit zu verlieren, das Private über das Öffentliche zu erheben, als wäre es nicht verwoben. Debatten über die Erziehung der eigenen Kinder, das Leiden an der angeblichen Finanzkrise, die ich gerne erst dann zum abendfüllenden Thema gemacht wüßte, wenn all die Läden, die nur der schönen Dekorationen wegen ihre Ware drei Mal so teuer verkaufen wie andere, schließen. Philosophieren und reden als Handlungsersatz. Angst, dass einen die emotionale Unbeherrschtheit in die falsche Richtung trägt? Kann man Menschen wie Erdogan, die sich emotional leiten lassen und das Gespräch in dem Moment nicht weiterführen möchten, einfach ein „Sie sind kein Europäer- Attest“ ausstellen?

Das öffentliche Leben ist hier von einem Handeln zum Beurteilen verkommen, weil sich die Menschen noch immer vor ihrem Handeln fürchten. Während in Frankreich schon wieder eine Millonen Menschen auf der Straße stehen wegen weiß der Himmel was schon wieder, während Griechenland sich seiner hoffnungslosen und gewalttätigen Jugend stellen muss, geschieht hier, wenn in Berlin ein junger Mann zu unrecht von einem Polizisten erschosschen wird: genau, es geschieht gar nichts.

Nein, man wünscht sich keine Aufstände und Aufruhr als Ventil für Aggressionen, aber man wünscht sich doch Reaktionen auf Ereignisse, die öffentliches Leben darstellen, Reaktionen, die über feuilletonistische Debatten, die ohnehin bald aus den Zeitungen gekürzt werden, hinausgehen. Jetzt sitzt einer kleiner Teil des Volkes in den Leserkommentaren der Tageszeitungen und der Rest: Puff…

Weitere Links für Interessierte:

Ein sachlichere Zusammenfassung findet sich unter unter diesem Link zur Tagesschau

Einen kritischen Artikel zu Erdogans Wutausbruch finet man hier bei Spiegel Online

Einen unkritischen findet man auf der extra eingerichteten Fansite für Erdogan

Die kontroversesten Leserkommentare finden sich bei den Lesern des Tagesspiegels

Anregungen für die „Dürfen wir etwas gegen Juden sagen“ – Debatte , auch im Tagesspiegel

Und, nicht zu vergessen, wir sind das Volk: BILDpunkt

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2 thoughts on “ERDOGAN IN DAVOS – Über Erregtheit in der Politik oder Warum die Deutschen nicht mehr auf die Straße gehen

  1. Erdogan verhält sich wie das was er ist: nicht nur Politiker, sondern auch Mensch. Seine Menschlichkeit (die ihn nicht vor kontroversen und problematischen politischen Entscheidungen schützt) sorgt dafür, dass er auch mal ausrastet, wenn ihm permanent das Wort abgeschnitten und die Redezeit gekürzt wird – im Unterschied zu seinem Vorredner. Eigentlich die normalste Sache der Welt, darüber sauer zu werden, und mehr als sauer, schließlich geht es um viel und das ganze war kein Stammtisch-Gespräch, das man abbrechen und einfach in der nächsten Woche fortführen kann, wenn sich alle beruhigt haben. Davos ist ein großes Forum, und Erdogan wollte es für sich nutzen, wie Peres auch. Dass Erdogan zurück in der Türkei schnell abwiegelt, weil er weiß, dass manche Fanatiker seinen Wutausbruch über einen konkreten Anlass als Aufforderung verstehen könnten, ganz einfach generell aggressiv vorzugehen, schuldet er seinem Beruf. Dass er sich die Notwendigkeit überhaupt eingebrockt hat, etwas klarstellen zu müssen, macht ihn schlicht menschlicher.

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