Den Mädels geht es gut

Pünktlich zum Weltfrauentag gelang es der Polizei, bei einer Razzia einen Menschenhändlerring zu zerschlagen. (Link). Leider fand das in den großen deutschen Zeitungen und Feuilletons keine besondere Erwähnung.

Die Ermittler informieren weiter darüber, dass seit „2004 schwerer Menschenhandel mit jungen rumänischen Frauen „zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ betrieben wurde. Die Frauen seien unter dem Vorwand einer Beschäftigung in der Gastronomie nach Deutschland gelockt worden, erklärten die Ermittler. Hier seien sie unter Androhung von Repressalien für ihre Familien der Prostitution in Bordellen der Gruppierung in Recklinghausen, Heidelberg, Berlin-Schönefeld, Kaiserslautern und Barsinghausen zugeführt worden. Dort werde „Flatrate-Sex“ angeboten – also Sex nach Belieben zum Festpreis.“ (Link, s.o.)

Leider finden sich unter den zynischen Diskurs-Denkern, die inzwischen die Debatten führen, keine, die auch Regionalpresse lesen, sonst hätten sie vielleicht etwas davon gehört. Die Frauenbewegung darf sich nicht in Gleichstellungsfloskeln erschöpfen, für viele Frauen, auch hierzulande, auch im beschaulichen Heidelberg, geht es ums Überleben. Das ließ sich in den netten Artikeln zum Weltfrauentag, wo, im besten Fall, hier und da ungerechte Lohnverteilung angeprangert wurde, nicht wiederfinden. Als Gutmenschentum würde so etwas abgespeist, vermute ich. Stattdessen: Innovative Sonderausgaben zum Mann am Weltfrauentag, damit man auch ja ein Provokatiönchen durchs Land jagt.

Statt den Menschenhandel mit Frauen hervorzuheben, findet man absurde Berichte über Bordell-Flatrates, wie diesen in der taz, in denen „objektive Journalisten“ schildern, wie Huren sich gegen die Verleumdung, dass das Leben in den Pussy Clubs keinen Spaß mache, zur Wehr setzen. „Huren loben das Arbeitsklima“, heißt es da im Untertitel und man möchte den objektiven Journalismus mitsamt seinem Erfinder in die Tonne schmeissen. Könnten die vielleicht auch objektiv eine Zuhälter hinter ihrem Wohlbefinden wittern? Das ist doch nicht Heidi Klums Topmodel-WG, die man mit „Den Mädels geht es gut“ abspeisen kann. Denkt einer von der objektiven Schreibzunft noch mit, während er berichtet?

Da Feministinnen in Deutschland ausgestorben sind und lieber die Möglichkeiten nutzen, ihr Intimleben in der Öffentlichkeit kund zu tun und damit hier und da ganz emanzipiert ein bisschen Geld zu machen, erzürnt sich kaum eine Mensch über Berichte wie die zu den Pussy Clubs, es entsteht kaum öffentlicher Druck, um mehr Rechte für Frauen zu fordern, dabei meine ich ganz grundsätzliche Menschenrechte, wie jenes, dass ihr Leben, ihr Körper, und zwar unversehrt, ihnen gehört.

Zum Glück gruben sich in diesem Fall die Täter selbst ein Loch. Sie standen ohnehin vor Gericht und die Aktion scheint perfekt durchdacht, selbst der Kopf der Kriminellen wurde noch in Spanien gefasst. Der ehemalige Ostblock verwandelt sich seit seiner Auflösung nämlich zunehmend in ein Rekrutierungslager für Zwangsprostitution, doch die Feministinnen hierzulande provozieren künstlich, indem z.B. Alice Schwarzer durchs Land krakeelt, man könne diesen Tag doch auch abschaffen. So blieb den Frauen in diesem Fall tatsächlich nur die Polizei als Freund und Helfer. Doch die zynische Elite sieht in der Polizei nur noch den Spitzelfeind.

Wie wenig Bewußtsein es über das Problem des Menschenhandels gibt, zeigt sich auch an einem taz-Kommentar zu eben genanntem Artikel: Ein Leser, der wahrscheinlich von objektiven Journalisten informiert wird, serzürnt sich über andere Kommentare, vorzugsweise von Frauen, die  sich- wie sich nun herausstellt – zurecht hinter der Prostitution Mißhandlung wittern:

  • „28.07.2009 16:46 Uhr:

    von Endi:

    Interessant, wie viele LeserInnen-Kommentare vor dem Hintergrund der Klischee-Perspektive argumentieren. Eine Prostituierte muss immer ein ausgebeutetes Opfer sein. Und wenn sie behauptet, sie würde den Job unter diesen Bedingungen gerne machen, dann stimmt das etwas nicht, dann muss man sie erst recht in Schutz nehmen – vor sich selbst. Sehr klischeebehaftet, was doch ein wenig überrascht bei einer Leserschaft, die sich vermutlich mehrheitlich in der Selbstwahrnehmung als tolerant und vorurteilsfrei einstuft.“

    Dass nun zufällig  zum Weltfrauentag ein Menschenhändlerring hinter dieser ganzen Pussy Club Geschichte entlarvt wird, wurde in den großen Leitmedien leider nur klein geschrieben.

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    One thought on “Den Mädels geht es gut

    1. Frau Marinic hat ein sehr trauriges Thema angesprochen.

      Vor einigen Wochen fand in Karlsruhe ein Diskussionsabend zu gerade diesem Thema statt (Zwangsprostitution).

      Frau Marinic hat recht. Über dieses Thema wird seltsamerweise kaum berrichtet, so als gäbe es solche Verbrechen nur in der Dritten Welt.

      Wenn sogar Hollywood in den letzten 3-4 Jahren Kinofilme zu diesem Thema bringt („Trade“ mit Kevin Kline (Erschütternd!!!) und „96 hours“), sollte uns das eigentlich zu denken geben. Trotzdem wollen es viele noch nicht begreifen.

      Ich hatte früher viel Kontakt mit der Frauenorganisation „Wildwasser“ (jeder, der sich interessiert, sollte unbedingt dort mithelfen. Es gibt noch viel zu tun!).

      Sie berichteten, dass sich viele dieser ausgebeuteten Frauen nicht trauen, zur Polizei zu gehen, da ihnen von Ihren Zuhältern und Menschenhändlern die Reisedokumente genommen wurden, damit sie nicht abhauen können. Und sie sich daher illegal in der BRD aufhalten.
      Deswegen haben sie Angst festgenommen und abgeschoben zu werden. Dann können sie allerdings das Geld nicht verdienen, um ihre Angehörigen und Kinder zu unterstützen. Oder man droht ihnen, sie umzubringen. Wer würde sie in Deutschland schon vermissen? Sie sind ja nirgends gemeldet.

      Ein Kripo-Beamter erzählte einmal, dass eine Frau auf dem Schwarzmarkt zwischen 50.000 und 150.000 Euro „kosten“ kann. Je nachdem wie hübsch sie ist. D.h. ein Menschenhändlerring verschleppt die Frauen und verkauft sie dann an Bordelle oder andere „Sklavenhändler“ (denn so muss man sie nennen).

      Diese widerrum wollen nun wieder das Geld „hereinholen“, indem sie die Frauen und Kinder (denn das sind sie leider häufig. es werden wohlgemerkt auch kleine Jungen verschleppt!) unter Drogen setzen und im 15-Minuten-Takt an notgeile Freier „vermieten“. Nach 1-2 Jahren hat sich die „Investition“ für sie schon rentiert.

      Die Dunkelziffer ist sehr hoch, da sich die Opfer wie gesagt nicht trauen ein Frauenhaus, die Kirche, die Seelsorge, das Jugendamt, geschweige denn die Polizei zu kontaktieren.

      Am Landgericht in KA habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich viele dieser Frauen noch aus einem anderen Grund nicht trauen, zur Polizei oder staatlichen Behörden zu gehen:
      Sie kommen häufig aus Ländern, in denen Korruption und Armut an der Tagesordnung stehen. Dort haben sie gelernt, dass man nie einem Polizisten oder Beamten trauen sollte, da diese besonders korrupt seien und häufig mit ihren Peinigern kooperierten.
      Daher bleiben sie im Verborgenen und halten sich bedeckt, was wiederum den Tätern zugute kommt. Ein Teufelskreis.

      Als ich in der Ukraine war habe ich mal eine Prostituierte kennengelernt. Ich habe an einem Schüleraustausch teilgenommen. Wir wussten alle nicht, was sie machte, als sie uns sagte „sie müsse jetzt arbeiten gehen“. Wir dachten, sie arbeite irgendwo als Kellnerin.
      Sie war gerade einmal 17!

      Einmal sprach ich sie vorsichtig und einfühlsam auf das Thema an. Sie berichtete mir, dass ihr Vater die Familie verlassen habe (da er ein Säufer war und keine Arbeit hatte) ihre Mutter sei arbeitslos. Deswegen musste sie anschaffen gehen, um die Miete für die Wohnung ihrer Mutter, ihrer kleinen Schwester und ihr bezahlen zu können.

      Das war vor 13 Jahren.
      Was macht sie wohl heute?……..

      Kann solch ein Mensch denn jemals wieder ein normales Leben führen?

      All das geschieht auch bei uns, bloß merken es viele von uns nicht.

      Woran es liegt, dass man so wenig dagegen unternimmt bzw. sich so wenig für dieses Thema interessiert?

      Ich weiß es nicht. Aber vielleicht liegt es auch an der gesellschaftlichen Akzeptanz. Viele von uns Männern denken sich vielleicht, wenn sie eine Prostituierte sehen: „Haa die macht des doch freiwillig. Also gefällts ihr ja vielleicht scho ein bissle. Sonst wirds es ja net macha“.

      Ich habe vor einigen Wochen mit einer Freundin über dieses Thema geredet. Sie hat etwas sehr gutes gesagt. Sie fragte mich, warum eigentlich Sex-Hotline-Anzeigen und Sex-Annoncen in Zeitungen nicht verboten werden. Immerhin ist jedes „Blättle“ voll davon. Warum kann man das nicht verbieten, so wie die Zigarettenwerbung?

      Ich wusste keine gescheite Antwort darauf.

      Ich meine, klar haben die Prostituierten keine Lobby.
      Ihr müsst außerdem alle eines bedenken:

      Bis ins Jahr 2001 galt das Erbringen einer sexuellen Dienstleistung als „sittenwidriges Rechtsgeschäft“. Es verstoße gegen „Treu und Glauben“ und das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“. Dieser Dienstvertrag war folglich unwirksam.

      Komischerweise hat dies das Finanzamt nie davon abgehalten von den Damen Steuern für ihre sittenwidrigen Rechtsgeschäfte zu verlangen.
      Diese Rechtslage wurde erst 2001 (!!!) geändert.
      Die Mühlen der Justiz und der Gesetzgebung mahlen eben sehr langsam.

      Deswegen ist es umso wichtiger, wenn sich vermehrt Stimmen aus der Bevölkerung zu Wort melden. Und damit meine ich: nicht nur die Frauen!!!
      Ich betone: Dies ist kein ausschließliches „Frauen-Problem“! Alle Menschen sollten hierzu etwas sagen.

      Alle sollten das Maul aufreissen, wenn die Würde eines Individuums bespuckt und mit Füssen getreten wird!

      Daher ist ihr Appell an die Frauenbewegung meines Erachtens falsch, Frau Marinic.

      Es geht hier um die Ausbeutung von Schwächeren. Um das Ausspielen von Macht.

      Mit der Staatsanwaltschaft sind wir mal in eine Strafvollzugsanstalt gegangen. Der Rektor der Anstalt erzählte uns, dass gewisse Gruppen von Männern, die Prostitution im Knast „beherrschen“.
      Ich fragte ihn naiv, wie er das genau meine. Er antwortete: Genauso wie ich es sagte. Die stärkeren nutzen die schwächeren im Knast aus und vergewaltigen sie oder machen sie gefügig und kassieren die Kohle.

      Leider trifft es dennoch meistens die Frauen, die schamlos ausgebeutet oder vergewaltigt werden.
      Das riesige Problem bei diesem Thema ist, dass sich die Opfer von Sexualstraftaten erst nach 10 bis 20 Jahren „öffnen“ und jemandem anvertrauen, geschweige denn jemanden anzeigen.
      Dann sind die Straftaten aber häufig schon verjährt.

      Ich möchte jedem Leser in diesem Blog eins sagen:
      Macht euch mit dem Thema vertraut. Schaut nicht weg. Denn eines Tages könnte es eure Tochter, euren Sohn oder eure Frau treffen.

      Ich weiss, wenn man selber nicht betzroffen ist, hat man einen ganz anderen Bezug zu diesem Thema. Dennoch sollte man sich für das Thema sexuelle Gewalt öffnen.

      Denn die Täter leben in allen Gesellschaftsschichten. In KA kamen solche Fälle in den besten Kreisen vor (Diplomaten usw).

      Eine Kripo-Beamtin in KA erzählte uns, es gebe sogar im Internet Bilder mit Säuglingen (ihr wisst schon was für welche).

      Ich möchte euch allen ein paar Vereine und Organisationen anraten bzw. näherbringen, die sich um die Opfer kümmern und sich für ihre Rechte stark machen:

      „Wildwasser e.V“ (Sehr gut!)
      „Terre des hommes“ (auch hervorragend)
      „Der weisse Ring“
      „amnesty international“

      Ihr müsst ja nicht unbedingt aktiv mitmachen. Man kann auch spenden. Das Geld brauchen diese Vereine dringend.
      Anstatt dass ihr für zwei Cocktails, die ihr in ner halben Stunde austrinkt, 14 Euro ausgebt, könntet ihr mit ner kleinen Spende sehr viel bewirken.
      Zwar erhalten diese Organisationen auch Zuschüsse von der Stadt und der Kommune, aber das ist alles viel zu wenig.

      Liebe Männer: bitte denkt nicht, dass das ätzende Emanzentreffs und -bewegungen sind. Die sind wirklich sehr seriös und total engagiert. Es lohnt sich ihnen zu helfen.

      Wenn man schon selbst keine Zeit hat sich zu engagieren kann man doch auch mal etwas spenden oder eine Mitgliedschaft übernehmen.
      Ihr hättet damit schon sehr viel bewirkt.

      Es sind häufig die kleinen Dinge im Leben, die viel bewegen können. Nicht die millionenfachen Subventionen und Steuererleichterungen.

      Zum Schluss möchte ich ihnen, Frau Marinic noch was sagen:
      Gut, dass sie das Thema angesprochen haben. Hat mich echt gefreut. Es ist wichtig, solche Themen anzusprechen und was darüber zu berichten.
      Ihr Artikel wird sicherlich einige zum Nachdenken anregen.
      Sie sollten diesen Artikel vielleicht auch in einer Zeitung veröffentlichen oder was darüber schreiben.

      Hab großen Respekt vor Ihnen.
      Machen Sie weiter so.

      Hasta pronto!

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