Deutsch als Kindsprache

Die Wähler pflichten ihnen bei oder verdammen sie, niemand jedoch empört sich darüber, wie selbstverständlich ihnen hier Hoheitsrechte über ihr Privatleben genommen werden. Wie gut, wenn Erdogan sich und den deutschen Politikern noch einmal die Möglichkeit bietet, sich noch kurz vor den Wahlen als heimatliebend zu präsentieren. Doch sie machen sich hier ein Domäne zu eigen, die man verteidigen sollte.
Es ist ein Skandal, wenn die Politik einer Mutter vorschreiben will, in welcher Sprache sie mit ihrem Kind zu sprechen hat.

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Es ist mal wieder Erdogan, der gepoltert haben soll. Ist auch gleich, wer´s lostritt, was dann so losgelassen wird an Integrationserwartungen zieht mir die Schuhe aus. Am Samstag noch sitze ich in der Schweiz, in Biel, auf einem Podium zum Thema DIE ANDEREN SIND WIR. Darauf höre ich mich noch reden und denken, es sähe in Deutschland gerade besser aus als in der Schweiz. Heute bekomme ich folgende Schlagzeilen zu lesen:
„Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zuallererst Deutsch lernen.“ (Westerwelle)
Steffen Seibert verkündet für die Kanzlerin Deutsch und Türkisch sollten gleichzeitig und gleichwertig erlernt werden.
Erdogan und die Tatsache, dass er hier ständig Reden an sein Volk hält, beiseite. Ist ein anderes Thema. Wer darüber lesen oder kommentieren möchte, tue dies vielleicht hier bei der ZEIT.
Die Wähler pflichten ihnen bei oder verdammen sie, niemand jedoch empört sich darüber, wie selbstverständlich ihnen hier Hoheitsrechte über ihr Privatleben genommen werden. Wie gut, wenn Erdogan sich und den deutschen Politikern noch einmal die Möglichkeit bietet, sich noch kurz vor den Wahlen als heimatliebend zu präsentieren. Doch sie machen sich hier ein Domäne zu eigen, die man verteidigen sollte.
Es ist ein Skandal, wenn die Politik einer Mutter vorschreiben will, in welcher Sprache sie mit ihrem Kind zu sprechen hat. Es ist ein Skandal, dass ein FDP Politiker wie Westerwelle sich herausnimmt, in dieser Form in die Eltern-Kind-Beziehung einzugreifen. Liberal sind also NUR die Märkte, Herr Westerwelle, den Rest regeln Sie? Diese Politisierung eines der intimsten Bereiche des Menschen ist hier das eigentliche Problem, und nicht, welche dieser Positionen nun die richtige ist. Es ist so weit, dass uns nicht einmal mehr stört, wie sehr unsere Lebensbereiche verstaatlich und reglementiert werden. Sei dies nun durch Erdogans Rede oder die Reaktionen darauf. Die eigentlich Frage müsste sein: Darf und soll ein freiheitlich organisierter, demokratischer Staat einem Kind und seinen Eltern die Muttersprache vorschreiben? Was wäre mit den vielen ausgewanderten Deutschen, die ihre Auslandsschule und Muttersprachen pflegen, Rumänien-Deutschen z.B. (prominentestes Beispiel hier natürlich Herta Müller)? Natürlich sollte ein Kind so schnell wie möglich Deutsch lernen, wenn es sich in diesem Land zurecht finden will. Doch wie Eltern und Kind miteinander sprechen, in welcher Sprache sie diese Welt ihren Kinder nahebringen, muss Sache der Eltern sein.
Es gibt hervorragende Essays der weiblichen Philosophinnen und Sprachforscherinnen der Gruppe DIOTIMA in Italien. Ich bin über Katharina Rutschky auf diese Essays gestoßen und möchte hier eine Passage zitieren:

Die Mutter bürgt für den Sinn der Worte
Die Sprache, die er (ein Junge) dann spricht, ist die seiner Mutter, wie bei fast allen Kindern. Es heißt deshalb ganz zu Recht Muttersprache, auch wenn sich in der Fachliteratur neuerdings der Terminus Erstsprache breit macht. Die Muttersprache ist aber nicht einfach nur die erste Sprache von vielen, sondern der Anfang des Sprechens schlechthin. Und dabei geht es nicht um Vokabeln und Grammatik, sondern um viel grundlegendere Fragen: Wie lässt sich die Distanz zwischen dem gesprochenen Wort und der konkreten Realität mit Sinn füllen? Wer garantiert mir, dass das, was gesagt wird, mit dem, was ich ausdrücken will, überhaupt etwas zu tun hat? Es ist, mit anderen Worten, eine Frage des Vertrauens: Die Mutter bürgt dem Kind gegenüber dafür, dass die Worte und Sätze einen Sinn haben. Sie „bindet die Sprache an die Realität des Kindes, das Kind den Gebrauch der Worte an die Autorität der Mutter“, wie es die Philosophin Andrea Günter formuliert hat. Ohne dieses Vertrauen wären Worte nur beliebige Laute, ohne jede Bedeutung. Die Mutter kann deshalb nicht einfach durch einen x-beliebigen Lehrmeister ersetzt werden, sondern höchstens durch jemanden, der für das Kind genauso vertrauenswürdig ist.

Weiteres und viel Informatives zu dem Thema findet sich auf der Homepage der Übersetzerin Antje Schrupp.
Es ist erhellend, diese Essays zu lesen.  Ein einziger würde genügen, um die Politiker vor die Frage zu stellen, wie das, was sie da reden, denn zu bewerkstelligen sein soll, ohne Kindern ihre soziale Heimat zu nehmen, denn nicht alle Eltern, die hier leben, sind in der deutschen Sprache Zuhause. Und nicht alle, selbst wenn sie des Deutschen mächtig sind, möchten ihre Kinder in ihrer Zweitsprache erziehen.
Ganz zu schweigen davon, dass es hier wieder um eine Hierarchsierung der Sprachen geht, denn für französische oder englische Muttersprache/Zweisprachigkeit von Geburt an haben die meisten hierzulande nur Bewunderung übrig.

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