Unwort des Jahres und anderweitiger eingeschriebener Rassismus

 – Diesen Artikel finden Sie auch gekürzt unter Spiegel.Online und perlentaucher.de

„Döner-Morde“ wurde zum Unwort des Jahres gewählt. Das Bindestrich-Wort des Jahres ist um einiges älter als das letzte Jahr. Jetzt, im Licht der neuen Erkenntnisse, fällt die Begründung der Jury wie eine nachträgliche Entschuldigung aus. Eine Einsicht in die Sprachvertracktheit der letztjährigen Aufdeckungen hätte die diesjährige Wahl gebracht, wenn sie auf das Bindestrichwort „V-Mann“  gefallen wäre. Ist sie aber nicht.

Döner-Morde ist in seiner Direktheit ein eher handhabbares Phänomen. Schwieriger wird es, wenn die Vorurteile vermeintlich argumentativ daherkommen. Nur zwei Tage nach der Verkündung der gutgemeinten Begründung, finden weniger plakative rassistische Äußerungen unreflektiert in großen deutschen Tageszeitungen.

So veröffentlich die FAZ auf ihrer Bildungsseite vom 19. 1.  einen Artikel von Joachim Kutschke, der es sicher gut mit dem deutschen Bildungsystem meint. Er imaginiert die Rettung der alten Werte vor der um sich greifenden Lockerheit der Lehrer. Seine Bildungsthesen kann man diskutieren, ihm beipflichten oder widersprechen, doch im letzten Absatz steht da tatsächlich, unvermittelt und ohne Vorwarnung, ein Seitenhieb gegen muslimische Schüler:

„Sollte dieses Experiment gelingen, würden unsere Bildungseinrichtungen verlorenes Ansehen zurückgewinnen, jenes gesellschaftliche Gesicht und jenen Respekt, den unsere muslimischen Schüler so gerne einfordern, aber selten anderen gewähren.“

Das verharmlosende „unsere“ macht den diskriminierenden Seitenhieb keinen Deut besser. Hier schreibt einer von der Sehnsucht nach der Herstellung der alten Ordnung und jubelt einer religiösen Gruppe Schüler eine Unordunug unter, die diese Gruppe zum Feind eines Wertes machen, den wir gemeinhin anerkennen: Respekt. Dabei schreibt er über Bildung, das Feld auf dem Migranten bislang den größten Nachholbedarf in Sachen Gleichstellung haben. Niemanden in der Bildungsredaktion der FAZ schien sich so sehr daran zu stören, um den Autor darauf aufmerksam zu machen oder gar zu sagen, man würde so einen diskriminierenden Schlussabsatz nicht abdrucken.

Wenn unsere katholischen oder evangelischen Schüler keinen Respekt gewähren, dann handelt es sich um Scheidungskinder, Zappelphillipe oder sie sitzen beim Kinderpsychologen wegen ADS. Doch bei unseren muslimischen Schülern scheint das etwas ganz anderes zu sein. Etwas Kulturelles, versteht sich.

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