Mit #MadeInGermany in der Landesvertretung Berlin

 

 

Danke dem neugierigen Publikum, allen Mitwirkenden und den großartig vorbereiteten Georg Löwisch, Chefredakteur der taz.dietageszeitung, für einen wunderbaren Abend.

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Autorenförderung? Hungert Sie aus! – Kommentar zum FAZ Aufmacher vom 30. April 2008

Hungert Sie aus, schreibt die gute alte FAZ, jetzt ein gewisser Jungen, unlängst war es Kämmerlings, alle deutschen Literaturkindermädchen scheinen im Feuilleton der FAZ zu sitzen. Was wünschen sie der Literatur? Natürlich nur das Beste: Viel Politik und große Stories, Rechercheliteratur und Unbedingtheit, Literatur als Waffe im Diskurskrieg und richtige Autorenpartisanen. „Kunst ist nicht frei, sondern wirksam“ wird da zitiert, sowie weitere geile Zitate von Autoren aus besseren Zeiten: „Lieber geil angreifen, kühn totalitär kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt.“ Heftig denken tut hier anscheinend keiner, bekommt aber einen Haufen Platz, um sich zu beschweren, ein weiteres Dokument von Feuilletonisten, die sich wochenlang mit von ihnen für wichtig erklärten Themen selbst bedienen, auf den Leser nicht einmal mehr aus den Augenwinkeln schielen, es geht um sie, ihren elaborierten Kunst- und Literaturgeschmack, ihre Weitsicht. Dass es ihre Aufgabe ist, Bücher zu deuten, wird schnell vergessen, wozu, man kann ja seine Meinungen austreten, unsinnige Forderungen ins Land schreien, das ist sicher interessanter für die Leser.

Gerade dieser Angriff auf die teilweise lächerliche Autorenförderung ist ein Witz in Anbetracht des Schreibtischjournaslismus´, der in Deutschland betrieben wird; unsere Journalisten bekommen solide Gehälter, sind jedoch nur selten auf riskanten Recherchereisen zu finden, sie zanken und raufen natürlich ein bisschen in den Redaktionssitzungen, ansonsten googeln sie sich die roten Fäden der Welt zusammen, stricken ihre Artikel aus Berichte von Journalisten oder Bloggern vor Ort, die sich wirklich um ihren Job kümmern und den Menschen von der Welt berichten. Aber wenn wir schon so gemütlich im Chefsessel sitzen, dann hauen wir doch nochmal auf die Literaten, weil sie es so gut haben und sich aushalten lassen, ohne etwas dafür zu tun, weil sie den Hunger unserer gepeinigten Schreibtischseelen nicht zu stillen wissen.

Es ist anstrengend, sinnlos und ermüdend, auf eine Subventionskultur zu schimpfen, die mühsam erkämpft wurde, um eine Schreibkultur zu fördern und aufrecht zu erhalten. Ein Autor, der sich an der Welt nicht abreibt und aufreibt, sich in ihr und mit ihr nicht immer wieder neu gebiert, wird nichts zu sagen haben, ob mit oder ohne Autorenförderung. Ein Autor, der einmal im Jahr in ein Kaff fährt, um sich seinen Scheck über 2000 Euro abzuholen und dort neugierig ausgefragt wird, was er denn mit dem Geld so alles vorhat, kann genauso aufgeregt und erzürnt über die Welt schreiben, wie einer, der noch nie einen Preis abgesahnt hat und seine Brötchen anders verdient. Als bestünde das Leben eines Autors aus diesem einen Preistag, als hätte nicht jeder seine Welt, aus der er kam, in der er schreibt und in die er zurückgeht nach so einem großen Festtag in der örtlichen Turnhalle.

Die Hybris der Kritiker und Bepreiser, die sich in der Vorstellung äußert, dass alles, was der arme junge Autor schafft, und wie er es schafft, von ihnen abhängt, dass der Autor nur Sätze aneinanderreiht, weil ihm dann und wann 2000 Euro rübergestreckt werden und weil dann in der Zeitung steht: Pressemeldung, Preis im Kaff X erhalten, der tote Autor Y ehrt den jungen Autor Z. Hallelujah, dafür und davon leben wir, genau! Und unser gesamtes Schaffen ist abhängig davon, weil wir angeblich davon leben, alles Schreiben ist nur eine Variable, die sich zum deutschen Feuilleton oder der Subventionskultur verhält, die angeblich unsere Mäuler stopft und mit ein paar tausend Euro im Jahr unsere Geister träge macht. Natürlich darf dieses verdammte Spitzwegbild bei so einem Artikel nicht fehlen, der deutsche Künstler ist nur gut, wenn er hungert. Was für eine pervertierte Vorstellung von Leben und Kunst, die hierzulande vorherrscht, die Aufmacher einer der größten Tageszeitungen werden darf.

Über den Teich blickend, zu den großen, natürlich viel besseren, ausländischen Autoren, die angeblich welthaltige und wichtige und lesbare Bücher schreiben: Sie haben Agenten, kassieren Millionenvorschüsse und brauchen nicht in Käffer zu tingeln, um ihre Mäuler zu stopfen. Sie behalten ihre Zeit dem Schreiben vor, weil ihre Konten satt sind, haben nicht selten ein nettes Haus in Brooklyn, an der Küste und, oh je, wie kann das sein, die meisten sind gemäß Selbstauskunft glücklich liiert und haben Familien, lassen sich ihr Glück sogar in die Klappentexte schreiben, weil es dort niemanden stört, weil dort niemand denkt, ein Autor muss sich gequält durch den Tag röcheln, um das Gefühl zu greifen, weil keiner behauptet, ein Autor darf nicht glücklich lieben, um wahrhaftig von der Liebe zu schreiben, all das. Man darf hierzulande einfach nicht glücklich leben, sonst kann man nicht gut sein. Können solche vom Leben befriedigte, nicht benachteiligte Hochglanz-Menschen denn noch Kunst machen? fragt man bei uns, Spitzweg´s calling. Ausländische Autoren aber machen wir zu Glamour-Pärchen: Paul Auster und Siri Hustedt sind bei uns weit erfolgreicher als Zuhause in den USA, weil uns bei den Anderen ein gewisser Snobismus gefällt, anregt, Minderwrtigkeitsgefühle bedient. In der USA geht das, das Geld und die Kunst, Roth ist immer gut und wird jährlich besser, glaubt man unserem Lieblings-Spiegel. Roth schreibt nach eigenen Angaben eine Stunde täglich und hungert sich den Rest der Zeit durch die Straßen Manhattans.

Der Ton, der in Deutschland angeschlagen wird, wenn es um Künstler geht, ist mehr als eine Unverschämtheit. Wer darf denn überhaupt von Künstlern dauernd etwas verlangen, gerade von dem Typ Künstler, de da beschworen wird? Wieso hat niemand Demut und sieht sich ein Kunstwerk einfach an, versucht es zu greifen? Weil man hierzulande gar nicht mehr daran glaubt, dass es noch Künstler oder Kunstwerke unter uns gibt, unsere guten Zeiten waren gestern, als man mit Künstlern nicht besser umging als heute, eher noch schlechter. Dieser Neid darüber, dass man damit heutzutage auch ein Leben bestreiten kann mit etwas Erfüllendem, zerfrisst die Leute, dass das Erfüllende auch seinen Preis hat sieht keiner, wir bekommen ja jahrelang dafür 2000 Euro-Preise in den Hintern geschoben, das zahlt sich aus. Für so etwas darf es kein staatliches Geld geben, nein, Erfüllung ist Privatvergnügen. Nur weil kaum einer mehr hinsieht, wonach es in ihm schreit, werden systematisch jene an den Prager gestellt, die es tun und damit auch noch Erfolg haben. Und weil sich die Industrie, sprich die Verlage, Bücher junger deutscher Autoren nichts kosten lassen will, weil hierzulande unzählige junge Künstler wertvolle Bücher veröffentlichen, ohne vorab auch nur einen Cent dafür zu sehen, nur deshalb gibt es diese ganzen Preise, die der Herr aus der FAZ so wunderbar korrekt und ironisch aufzählt und als Grabsteine der guten und wichtigen Literatur tituliert. Vielleicht fühlen sich auch die jungen Künstler benutzt, vielleicht ist es nicht jedermanns Traum, immer eines Toten zu bedürfen, um gegenwärtig wichtig zu sein, aber das sind dann nur Wehwehchen. Kafka hingegen hatte existenzielle Sorgen.

Diese permanenten Forderungen sind unverschämt, wir Preisparasiten werden sie nicht bedienen, wie geil ihr das auch fändet. Was soll ich Romane über Politik schreiben? Die Politik ist eine Inszenierung, ein Showcase der Mächtigen, warum soll nur das interessant und welthaltig sein? Es ist an sich künstlich und durchtrieben und nicht das, womit ich mich beschäftigen möchte, wenn ich mein Leben dem Leben verschreiben will. Romane über Politik sind doch auch nur dann geglückt, wenn sie den Menschen finden und nicht das Milieu. Ich kann als Mensch aufstehen für Politisches, das mich betrifft und erzürnt, aber ich muss meine Kunst nicht in den Dienst der Poltitik stellen, nur damit ich weniger Freude an meiner Arbeit habe und ihr mehr. Künstler sollen zum Leben hinführen, in anderen Leben erzeugen, das kann und muss Kunst sein, von Künstlern Hunger zu fordern, Schändung zu propagieren, um große Literatur zu erhalten, ist ein sehr hiesiges Konzept, der Neid all jener, die sich mit sich nicht beschäftigen dürfen, was nun mal auch Kunst ist, der Neid jener, die die Spannung nicht fühlen, die Welt in ihnen auslösen kann, weil sie immer nur beschäftigt sind und: sein wollen.

Mit Nietzsche, der alles schon damals wusste und belegt, dass nie etwas anders war, schließe ich den heutigen Eintrag:

„Im Verhältnis zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches entweder zeugt oder gebiert , beide Worte in ihrem höchsten Umfange genommen – , hat der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten Verrichtungen des Menschen… […] Der Gelehrte hat, wie billig, auch die Krankheiten und Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie einer, der sich gehen, aber nicht strömen läßt; und gerade vor dem Menschen des großen Stroms steht er umso kälter und verschlossener da, – sein Auge ist dann wie ein glattwidriger See, in dem sich ein Entzücken, kein Mitgefühl mehr kräuselt.“

Lasst uns schreiben, wonach es uns verlangt, wenn ihr andere Bücher braucht, schreibt sie euch selbst, hungert selbst, bis euch die Worte aus der Feder sprießen, stellt diesen Neid ab und fangt an, das zu deuten, was da ist, statt göttlich dazustehen und eine Literaturwelt zu verlangen, wie sie euch passt.