Impulsvortrag von Jagoda Marinic beim Startkonvent der Grünen – Berlin

Bei Startkonvent der Grünen in Berlin war ich eingeladen,  einen Impuls von außen zum Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ geben.

Viel positive Energie im Saal und klasse Gespräche mit den Menschen im Anschluss. Ich bin sehr gespannt, wohin dieser Prozess führen wird und werde das über die nächsten Jahre beobachten.
Das Video zum gesamten Konvent ist bei Phoenix nachzusehen, oder ihr klickt einfach auf diesen Link:

https://www.youtube.com/watch?v=bPVr7OgExBE

 

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A fool´s paradise

Warum das nordamerikanische Blau immer eine Spur heller ist, weiss der Himmel, aber so ist es. Alles ist blau, klar und blendet. New York nach Toronto war wie Heimkommen, nicht, weil ich daheim bin dort, sondern weil ich es besser kenne als Toronto. Es ist alles Wahnsinn und ich bewundere Menschen, deren Lieben stärker ist als ihr Kennen, die irgenwohinkommen und sagen: ich liebe diesen Ort, ich bleibe.

Meine Wurzeln stecken fester in der Erde, fast wie in Hilde Domins Gedicht, in dem es heisst, man solle reisen als wäre man ein Baum, Wurzeln fest im Boden und nur die Landschaft zöge vorbei… Geht es denn anders? Max Frisch schrieb immer, Reisen und die Anziehungskraft, die es ausübt sei der Tatsache zu verdanken, dass wir uns reisend neu erfinden dürfen und man nicht mehr festgelegt sei… Doch man ist es… Der Blick, der auf alles fällt, kommt von dort, woher man kommt. Das ist Heimat. Dieser Blick. Alles scheit ihm vertraut, wenn man loszieht, doch das neu Gesehene gibt dem Vertrauten ein anderes Gesicht. Es ist, als würde sich die Vergangenheit immer mitverändern, weil der Blick um Millimeter verrückt und man seinen Standpunkt verändert, ohne es zu bemerken. Bis auch das, woher man kommt, nicht mehr der Standpunkt ist, also auch nicht mehr die Heimat. Wo steht man dann? An einem grellen Punkt der Ungewißheit, der mit einem Schlag doch alles möglich macht, mit einem Schlag kommt der Gedanke: Man könnte doch, könnte auch ein ganz anderer sein. Also doch Max Frsich statt Domin? Dieser Punkt, wenn man ihn länger aushält, versetzt einen in eine unbeschreibliche Müdigkeite, die Träume werden intensiver als die Tage, das Bewusstein verschiebt sich, weil ihm keine Gewissheiten gewährt werden… Es ist wie ein Rausch, doch auch ein Rausch braucht seinen Gegenpol, das, wogegen er sich absetzt, sonst ist er nichts weiter als ermüdend…

Im Flieger wieder einen Satz von Emerson gelesen, der so schreibt, wie Originale plappern. Er behauptet jetzt das, dann jenes, sein Leben und sein Schreiben waren Welten voneinander getrennt. An einer Stelle sagt er : Travel is a fool´s paradise… Darin war er sich einig mit sich, er hat nie eine Fuss über seine Heimatgrenzen gesetzt…Was hätte er über uns gesagt, die wir Distanzen nur noch mit Stunden statt Kilometern messen… ? It´s a crazy place… and I love it – sometimes.

Nun also doch

Ein kleiner Anfang. Es ist sicher der Himmel. In Zagreb noch war es, aus purem Zufall sicher, hellblau. Hellblau an der Grenze zu grell, wie es nur im Winter sein kein, bevor sich der schwüle Wolkensommerdunst aus dem Bergkessel zwischen Himmel und Stadt drängt. Auf dem Weg zum Flughafen eine seltsame Stille im Bus, als säßen keine Kroaten mit drin. Natürlich saß jemand aus Heidelberg im Bus, der/ die mich erkannte, aber ich erkannte die Heidelbergerin gerade nicht. Nicht hier. Man muss deutsch genug sein, um im Ausland keine Lust auf Deutsche zu haben. Nur in Kroatien stellt sich überhaupt die Frage nach der Nationalität, wie man nach einem Stück Land und Besitz fragt, so fragt man hier mit einer absoluten Selbstverständlichkeit nach der Nationalität. Dass das für Deutsche anderer Herkunft nicht immer eine Ein-Wort-Antwort bedeutet ändert nichts an der Selbstverständlichkeit ihrer Haltung. Vier Millionen leben in Kroatien und ihre Nationalitätsfragen bedeuten etwas ganz anderes. Überhaupt: Nationalität, kulturelle Zugehörigkeit sind Fragen die ganz andere Fragen nach sich ziehen als in Deutschland.Nach Tagen in Kroatien dennoch ein anderes Gefühl von Zugehörigkeit als heute hier in Deutschland. Ich fürchte, dass es weniger mit Nationalität als Mentalität zu tun hat, in Kroatien spricht man noch mehr miteinander, das bloße Herumstehen und in eigenen Gedanken versunken kann ist lange nich so ausgeprägt wie in Deutschland. Ich geniesse die ersten Stunden Ruhe zwischen Stuttgart und Heidelberg, aber dann stellen sich sehr wohl Fragen, die sich in Zagreb weniger stellen. Die Ruhe scheint dem Ich feindlich gesonnen.

In Zagreb eine Auslandsjournalreportage gesehen über Jugendkriminalität in Istanbul. Bei 15 Millionen Einwohnern weniger Übergriffe als in allen anderen Metropolen der Welt. Unverhohlen dürfen Journalisten Kahlauer reissen (Glaube keiner Statsitik die du nicht selbst gefälscht hast)… Dann die Überprüfungen, das Team hört sich vor Ort um… Ich möchte keine differenzierte Meinung bilden, alles, was mich interessiert, ist, dass es einhergeht mit der Erfahrung, dass das Involviertsein in kleine Gesrpäch das Ich beruhrigt, dieses belanglose Schnattern, das hier und da ein Lachen zur Folge hat und heirzulande und dazulande gerne oberflächliches Smalltalk genannt wird. Ergebnis des Auslandsjournalteams: ja, die Jungs sind ruhiger, die Metro kaum zerstört, ja, woran liegt das? Ein typischer Quoten-Arkan, der mit 15 aus dem Wesfälischen nach Istanbul ist, darf die Erklärung liefern: In Deutschland darf man machen, was man will. Hier interessiert es die Leute, was man macht… Die Toleranz des freien Willens wird als Desinteresse ausgelegt und der Journalist nickt… Es gibt auch viel zu Nicken. Ich denke an Arno Grüns Vortrag und die Studie über Eltern, die ihre Kinder zu spät vom Kindergarten abholen… Die Kinder wollen nicht mehr abgeholt und in den Arm genommen werden, jene Eltern, die diesen Willen nicht akzeptieren und die Kinder dennoch in den Arm nehmen, weil sie den Konflikt spüren, erweisen der Zukunft ihrer Kinder einen Dienst… Wieviel Freiheit im Sinne von Desinteresse an anderen, im Sinne von Nurinteresse an sich darf eine Gesellschaft sich erlauben. Es ist sicher keine neue Frage, aber diese Reportage hat sie wieder gestellt.